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Kommentare

Kommentar: Einfach sprachlos

Frankreich schränkt im Namen sozialer Gerechtigkeit den fremdsprachlichen Schulunterricht ein. Tatsächlich wird so dem europäischen Dialog der Boden entzogen, meint Kersten Knipp.

Die französische Bildungsministern Najat Vallaud-Belkacem, 9.10.2013 (Foto: AFP / Getty Images)

Die französische Bildungsministern Najat Vallaud-Belkacem

Die französische Bildungspolitik, könnte man meinen, hat viel erreicht: 80 Prozent der jungen Franzosen machen Abitur. Mit dem baccalauréat, dem Zeugnis der allgemein Hochschulreife, können sie studieren, sich bilden, einen Platz in der Gesellschaft finden. Träfe das wirklich zu, hätte Frankreich eine historische Mission erfüllt: Das Ideal der égalité, der Gleichheit, die sich das Land mit der Revolution von 1789 auf die Fahnen geschrieben hat, wäre in großen Teilen umgesetzt.

Leider deckt sich das Ideal mit der Wirklichkeit nur im Ansatz. Ein gutes Viertel der jungen Franzosen ist arbeitslos. Sie sind entweder bereits in der Schule gescheitert oder an den Universitäten. Sie, die Bildungsverlierer, sind der deprimierende Beweis dafür, dass es mit dem Gleichheitsideal nach wie vor hapert.

Schwachstelle Bildungsniveau

Die seit August vergangenen Jahres amtierende Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem, Jahrgang 1977, glaubt nun, die zentrale Schwachstelle des französischen Schulsystems ausgemacht zu haben: das Bildungsniveau. Es sei zu hoch, findet sie. Was von den Schülern verlangt werde, übersteige die Möglichkeiten vieler. Besonders augenfällig zeigt sich das ihrer Auffassung nach im Sprachunterricht, insbesondere in den im Jahr 2003 ins Leben gerufenen "classes bilangues". In diesen können die Schüler ab der sechsten Klasse zwei Fremdsprachen gleichzeitig erlernen. Das kommt neben dem Englischen und Spanischen oft einer der "kleineren" Sprachen zugute, etwa dem Italienischen, Portugiesischen oder Deutschen. Fast 90 Prozent der derzeitigen Deutschlerner an französischen Schulen sitzen in solchen "classes bilangues".

Unter Schülern und Eltern gelten die bilingualen Klassen als attraktiv und die Plätze sind begehrt: Knapp 15 Prozent eines Jahrgangs besuchen eine zweisprachige Klasse, die von jeder zweiten weiterführenden Schule angeboten werden. Um in eine solche Klasse aufgenommen zu werden, müssen sich die Schüler einer Aufnahmeprüfung unterziehen. Diese bestehen längst nicht alle.

Deutsche Welle Kersten Knipp

Kersten Knipp

15 Prozent: Für Vallaud-Belkacem verhöhnt diese Zahl das Ideal der égalité. Der Unterricht grenze aus, sei "elitär" und nutze vornehmlich den Interessen "wohlhabender Familien." Also gehören die classes bilangues abgeschafft. Im Gegenzug soll die zweite Fremdsprache bereits ab dem siebten, und nicht erst, wie bislang, ab dem achten Schuljahr angeboten werden - und zwar in zweieinhalb Stunden pro Woche. Wer aber jemals eine Fremdsprache halbwegs gründlich erlernt hat, weiß, dass das vorne und hinten nicht reicht.

Die Strategie der Ministerin ist klar: Anstatt an den Stellschrauben zu drehen, die es dem Gros der Schüler erlauben würde, die Prüfungen zu bestehen, kappt die Ministerin das Unterrichtsniveau, opfert den Bildungsanspruch junger Menschen rigoros dem Gleichheitsideal.

Unerfüllte Versprechen

Die Reform der Ministerin fällt in eine Zeit, die viele Franzosen als hochgradig deprimierend empfinden. Ökonomisch durchlebt ihr Land schwere Zeiten. Der öffentliche Haushalt ist schwer verschuldet, die Industrie erleidet seit Jahren eine gewaltige Schrumpfkur. Ebenso müssen sie zur Kenntnis nehmen, dass die Republik ihre Versprechen nicht mehr einlöst. In brutaler Deutlichkeit hat sich das am 7. Januar dieses Jahres, dem Tag des Attentats auf das Satiremagazin Charlie Hebdo, gezeigt: Die beiden Attentäter, zwei algerischstämmige junge Männer, fühlten sich von dem Land, in dem sie lebten, nicht angenommen. Darum zeigten sie, dass sie dieses ihrerseits ablehnen, und zwar in letzter, in tödlicher Konsequenz. Wie sie denken und empfinden auch eine ganze Reihe weiterer junger Franzosen.

Händeringend sucht Frankreich darum nach neuen Idealen, nach einer Kultur und einem Selbstverständnis, das allen Bürgern gerecht wird. Das ist bislang nicht gefunden, im Gegenteil: Die Tradition wird verdächtigt, die Zugewanderten kulturell und sozial auszugrenzen. Seit Jahren steht sie unter schwerem Beschuss, wird ihre Kenntnis auch an den Schulen immer weniger vermittelt.

Sprechfähig bleiben

Jetzt geht es offenbar auch Kulturen und Sprachen der Nachbarn an den Kragen. Auch sie gelten als ausgrenzend und elitär und werden darum beschnitten. Wie das in einer Zeit zu verantworten ist, da Europa ökonomisch auseinanderdriftet, der Streit um den Euro längst überwunden geglaubte nationale Stereotypen wieder auferstehen lässt, bleibt Geheimnis der Ministerin.

Gerade jetzt kommt es auf den Dialog an. Darauf, den anderen zu verstehen, sich mit ihm auszutauschen. Das geht aber nur, wenn man die Sprache des anderen spricht. Genau dem stellt sich Frau Vallaud-Belkacem mit ihrer Reform aber entgegen. Ihre Politik macht die Franzosen und mit ihnen die Europäer sprachlos.