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Kommentar: Eine offene Rechnung in Namibia

Erstmals hat die Bundesregierung die Massentötungen von Hereros und Namas vor mehr als 100 Jahren offiziell als Völkermord bezeichnet. Was noch fehlt, ist die offizielle Entschuldigung, meint Claus Stäcker.

Deutschland Namibia Geschichte Charité gibt Gebeine zurück

2011 wurden Totenschädel von Herero und Nama aus der Sammlung der Berliner Charité an Namibia zurückgegeben

Völkermord ist Völkermord ist Völkermord. Oder? Im Fall der Armenier taten sich die deutschen Parlamentarier deutlich leichter mit dem Begriff. Die Mehrheit war groß, die Verurteilung des Osmanischen Reiches recht einhellig. Es ging ja auch nur um die Türkei und ihren nationalen Gründungsmythos. Entsprechend empört keilte deren Präsident Erdogan zurück: Deutschland sei "das letzte Land", dem das Recht zustehe, über einen Völkermord der Türkei zu urteilen. Es solle erst einmal Rechenschaft über die Vernichtung von mehr als 100.000 Herero in Südwestafrika ablegen, schnaubte Erdogan.

Leider hat Erdogan Recht. Dass es von Deutschland bisher keine unmissverständliche Erklärung gebe, sei "ein bisschen peinlich", räumte auch Bundestagspräsident Nobert Lammert ein. Dabei ist die Kurswende längst vollzogen. Die jahrzehntelange Argumentation, der Tatbestand des Völkermords greife erst mit dem Inkrafttreten der entsprechenden UN-Konvention ab 1951, wurde aus der Regierungsrhetorik gestrichen.

Verklausulierte Vergebungsbitte

Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) sprach schon 2004 bei einer Gedenkveranstaltung am Waterberg vor tausenden aufgewühlten Hereros und Namas von einem Genozid "nach heutigem Verständnis". Sogar eine Entschuldigung brachte sie im Namen der Bundesregierung hervor - wenn auch noch verklausuliert: Sie bat die Nachfahren um Vergebung; um Vergebung im Sinne des christlichen Vaterunser. Damals brachte ihr das noch großen Ärger mit dem grünen Außenminister Joschka Fischer ein, der befürchtete, ihre Äußerungen könnten "entschädigungsrelevant" sein.

Stäcker Claus Kommentarbild App

Claus Stäcker leitet die Afrika-Programme der DW

Die Zeiten haben sich geändert. Was 2012 der Oppositionspolitiker Frank-Walter Steinmeier (SPD) noch weitgehend folgenlos als Antrag in den Bundestag einbrachte, gilt heute, unter dem Bundesaußenminister Steinmeier, als offizielle Leitlinie der deutschen-namibischen Beziehungen: "Der Vernichtungskrieg in Namibia von 1904 bis 1908 war ein Kriegsverbrechen und Völkermord". Dieser Satz ist Regierungspolitik und auch die Grundlage für die laufenden Versöhnungs- und Entschädigungsgespräche mit Namibia. Erst vor wenigen Tagen saßen in Windhoek wieder der Sondergesandte Ruprecht Polenz und der Afrikabeauftragte des Außenamtes, Georg Schmidt, mit den Namibiern zusammen.

Beides sind besonnene und erfahrene Politiker, weder Revisionisten noch Hardliner. Es geht ihnen um eine Einigung auf Augenhöhe, die nicht in die Vergangenheit zielt, sondern in die Zukunft. Eine Grundhaltung, die auch die Namibier teilen.

Entschuldigung noch vor der Bundestagswahl

Die Verhandlungen sollen noch dieses Jahr zum Abschluss kommen. Spätestens 2017 und noch vor der Bundestageswahl soll sich dann die Bundesregierung und der Bundestag zur Genozid-Frage äußern - mit einer offiziellen Entschuldigung, auf die die Nachfahren der getöteten Herero und Nama schon so lange vergeblich warten.

Es bleibt den Historikern vorbehalten, ob eher der osmanische Völkermord an den Armeniern oder der deutsche Vernichtungsfeldzug in Südwestafrika mit dem unrühmlichen Etikett als "erster Genozid des 20. Jahrhunderts" in die Annalen eingehen wird. Längst nicht alle Quellen in Namibia sind sauber aufgearbeitet. So tobt ein erbitterter Gelehrtenstreit darüber, wie viele Menschen tatsächlich getötet wurden, mit welchen Zielen und Methoden und welchem militärisch-politischen Auftrag. Es könnten nämlich auch deutlich weniger als 100.000 Opfer gewesen sein. Waren doch die Kaiserlichen Schutztruppen viel zu dürftig ausgerüstet und zu schlecht motiviert für einen afrikanischen Holocaust. Und es könnte „der große General des mächtigen Deutschen Kaisers“, wie der Urheber des Vernichtungsbefehls, General Lothar von Trotha sich selbst bezeichnete, durchaus ohne Genozid-Mandat von Kaiser und Kanzler gehandelt haben.

Komplizierte Entschädigungsfragen

Aber das ist ein Historiker- und Quellenstreit, der den Opfern nicht gerecht wird und selten die mündliche Überlieferung der Hereros und Namas einbezieht. Die Verbrechen gegen die Bevölkerung sind umfangreich dokumentiert und bis heute nicht gesühnt. Die Rechnung aller bisherigen Bundesregierungen, die Vergangenheit mit großzügiger Entwicklungshilfe an alle heutigen Namibier vergessen zu machen, ist nicht aufgegangen. Das Wegducken und Abdelegieren an untere Ebenen war peinlich und unwürdig - spätestens 2011 bei der hochemotionalen Übergabe von Herero-Schädeln aus ehemaligen deutschen Rassenforschungsinstituten wurde aus der politischen Defensivtaktik ein unwürdiges Trauerspiel.

Damit ist jetzt hoffentlich Schluss, auch wenn kein Schlussstrich gezogen werden kann. Die Frage, wer wie entschädigt werden soll, steht jetzt auf der Agenda, aber bei allem guten Willen kompliziert. Anders als bei den Holocaust-Opfern nach 1945 gibt es keine Überlebenden mehr. Der Mehrvölkerstaat Namibia will mit individuellen Reparationen keine ethnischen Neiddebatten entfachen. Herero-Aktivisten hingegen beklagen, zu wenig Gehör zu finden und drohen mit einer Klage vor dem Haager Schiedsgericht. Es brodelt also weiter. Auch wenn das Gesprächsklima in Windhoek, das bestätigen deutsche und namibische Teilnehmer, konstruktiv und keineswegs feindselig ist. Noch aber ist die Rechnung offen. Und eine Entschuldigung Deutschlands muss auf den Tisch. Offiziell, würdevoll und glaubhaft. Je schneller desto besser.

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