Kommentar: Eine Niederlage für die Pressefreiheit | Kommentare | DW | 14.06.2018
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Verzicht aus Sicherheitsgründen

Kommentar: Eine Niederlage für die Pressefreiheit

Der ARD-Dopingjournalist Hajo Seppelt muss aus Sicherheitsgründen auf eine Einreise nach Russland verzichten. Damit steht der erste WM-Verlierer bereits fest: Es ist der kritische Journalismus, meint Thomas Latschan.

Wenn tausende Journalisten dem Anpfiff des WM-Eröffnungsspiels in Russland entgegenfiebern, wird einer nicht live vor Ort sein: Hajo Seppelt. Der ARD-Sportjournalist gilt in Deutschland als Institution, als unermüdlicher Aufklärer in Sachen Doping, international bekannt, hart in der Sache, investigativ und unbequem.

Wenn Milliarden Fußball-Fans dem Anpfiff des WM-Eröffnungsspiels in Russland entgegenfiebern, wird einer ganz sicher live vor Ort sein: Wladimir Putin. Er braucht die WM, um sich und sein Land der Welt zu präsentieren: Russland, den freundlichen Gastgeber. Russland, die wiedererstarkte Großmacht. Und natürlich Russland, die stolze Sportnation, in deren Glanz sich Putin sonnen kann.

Keine Schatten auf Russlands glanzvoller WM

Die dunklen Schatten, die schon seit längerem über dieser Sportnation hängen, die sollen die Fans auf keinen Fall zu sehen bekommen. Hajo Seppelt hat in den vergangen Jahren viele Schatten auf den russischen Sportlerglanz geworfen. Zu viele aus russischer Sicht. Er deckte das systematische Staatsdoping im russischen Spitzensport auf, sorgte für einen Teilausschluss russischer Sportler bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio und 2018 in Pyeongchang und machte sich in Russland so zu einer Art Staatsfeind. Immer wieder erhält er dafür im Internet offene Anfeindungen, Beschimpfungen, Morddrohungen. Im Vorfeld der Fußball-WM erklärten russische Behörden ihn zur Persona non grata und verweigerten ihm ein Visum, erst auf Intervention der Kanzlerin erhielt er es doch. Dennoch, so stellen deutsche Sicherheitsbehörden nun fest, drohe dem Sportjournalisten im Falle einer Einreise nach Russland ein "unberechenbares Risiko". 

Dass es um den kritischen Journalismus in Russland schlecht bestellt ist, ist schon lange bekannt. Politische Journalisten werden offen drangsaliert, unter Druck gesetzt, eingeschüchtert, müssen teilweise um ihr Leben fürchten. Internationale Medien können seit Ende 2017 gar als "ausländische Agenten" eingestuft werden. Auch russlandkritische Journalisten im Ausland sehen sich zunehmend Hetzkampagnen durch russische Trolle, Web-Brigaden und Internet-Bots ausgesetzt.

Ein Armutszeugnis für Russland – und für die FIFA

Dass die Sicherheitslage in Russland nun auch für einen ausländischen Sportjournalisten zu kritisch sein soll, ist in dieser Form aber bislang einzigartig - und wirft ein zusätzliches Schlaglicht darauf, wie schlimm es um die Pressefreiheit im Land des WM-Gastgebers bestellt ist. Für den Fall seiner Einreise, heißt es aus deutschen Sicherheitskreisen, müsse Seppelt damit rechnen, von russischer Seite verhört und bei angeblich "mangelnder Kooperation" sogar festgesetzt zu werden. Sogar "spontane Gewalttaten" Einzelner gegen Seppelt seien nicht auszuschließen. Das zeigt, wie sehr offenbar die russische Volksseele kocht, wie sehr Anfeindung statt Aufklärung den Diskurs auch in Russland selbst beherrscht. Russlands Regierung ist offenkundig nicht an einer lückenlosen Aufklärung des Dopingskandals im eigenen Land interessiert - schon gar nicht zum jetzigen Zeitpunkt.

Latschan Thomas Kommentarbild App

DW-Redakteur Thomas Latschan

Eigentlich wäre nun ein klares Statement des Weltfußballverbands gefordert. Denn Artikel 3 der FIFA-Statuten zufolge gehören Presse- und Medienfreiheit zu den Grundvoraussetzungen, die ein WM-Gastgeber erfüllen muss. Hier bräuchte es ein klares Signal an Moskau, dass Reporter nicht an der Ausführung ihrer Arbeit gehindert werden dürften, nur weil dem Kreml deren Berichterstattung nicht passt. Wäre die FIFA konsequent, müsste sie diesen Präzedenzfall auch dazu nutzen, ihre generelle Vergabepraxis von Weltmeisterschaften an Autokratien zu überdenken. Bislang aber ist aus der Zentrale in Genf nichts zu hören. Der Fußball-Weltverband spielt auf Zeit.

Der erste WM-Verlierer steht fest

Und egal, wer am Ende Fußball-Weltmeister wird, zumindest dieses Spiel werden Putin und die FIFA gewinnen. Denn wenn der Ball erst einmal rollt, ist alle Empörung schnell verflogen. Die komplette Aufmerksamkeit wird dann - wie immer - nur noch auf dem Sportlichen liegen. Und auch wenn das an der Geschichte das eigentlich Skandalöse ist: Der kritische Journalismus geht in Russland in jedem Fall als Verlierer vom Platz.

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