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Afrika

Kommentar: Eine Koalition der Böswilligen

Die gewaltsamen Proteste gegen einen anti-islamischen Film drohen zu eskalieren. Profitieren könnten davon politische Kräfte, die gegen eine weitere Demokratisierung der arabischen Welt sind, befürchtet Rainer Sollich.

Porträt von Rainer Sollich (Foto: DW)

Der Mechanismus ist bekannt und gefährlich: Extremisten gegensätzlicher ideologischer Ausrichtung provozieren und attackieren sich gegenseitig - und entfachen damit einen zerstörerischen politischen Großbrand. Opfer sind diejenigen, die nicht mitzündeln wollen - aber auch diejenigen, die sich ideologisch verführen lassen.

Genau dieser Mechanismus wirkt jetzt wieder in Libyen, Ägypten, Jemen und anderen arabischen und islamischen Ländern. Ein Extremist in den USA dreht einen abstoßend islamfeindlichen Film, ein weiterer Extremist stellt ihn - ebenfalls von den USA aus - rechtzeitig zum Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September 2001 in arabischer Sprache ins Internet. Und sofort finden sich in arabischen Ländern genügend Extremisten von anderer Seite, die dies als günstige Gelegenheit ausnutzen, um gewaltsame Demonstrationen und tödliche Angriffe auf Ausländer zu inszenieren.

Perfide inszeniertes Spiel

Wir haben es klar erkennbar mit einer Koalition der Böswilligen zu tun: Islam-Hasser und radikale Islamisten positionieren sich zwar in Gegnerschaft zueinander - aber sie inszenieren dabei gemeinsam ein perfides Spiel mit dem Ziel, Gewalt, Unfrieden und Instabilität zu provozieren. Und es ist sehr offensichtlich, wem dieses Spiel nutzt.

Es nutzt im Westen all jenen, die schon immer der Ansicht waren, Muslime neigten zu Gewalt und Fanatismus und seien trotz der arabischen Revolutionswelle unfähig zur Demokratie. Und es nutzt in den USA und in Nahost auch all jenen politischen Kräften, denen die Politik von US-Präsident Barack Obama viel zu "araberfreundlich" ist.

In der islamischen Welt wiederum nutzt der Konflikt nicht nur anti-westlichen Populisten, die vorhandene Ressentiments für ihre eigene machtpolitische Agenda ausnutzen. Der Konflikt spielt auch ausgewiesenen Feinden der arabischen Revolutionswelle in die Hände. Demokratie-Gegner wie Syriens Machthaber Baschar Al-Assad profitieren schon jetzt von einem veränderten Medien-Fokus, der von ihren eigenen Verfehlungen und Gewaltexzessen ablenkt. Sie dürfen zudem darauf spekulieren, dass im Westen nun wieder verstärkt die Meinung um sich greifen könnte, Diktaturen seien letztlich immer noch das beste Mittel gegen Fanatismus und Instabilität in der arabischen Welt.

Verantwortung der Medien

Es darf jedoch nicht übersehen werden, dass die Apologeten des Hasses derzeit weder im Westen noch in der islamischen Welt mehrheitsfähig sein dürften. Hier wie dort haben die meisten Menschen andere Sorgen. Es wäre wünschenswert, dass diese "schweigende Mehrheit" sich stärker politisch artikuliert und nicht den Fanatikern das Feld überlässt. Auch die Medien tragen hier eine Verantwortung. Es ist sehr wichtig, dass sie umfassend über den Film und die gewaltsamen Proteste berichten. Es ist aber bedenklich, wenn in arabischen Medien der Eindruck suggeriert wird, der Film sei typisch westlich - oder wenn Gewaltexzesse einiger hundert Fanatiker auf westlichen Fernsehbildern so wirken, als seien dort Hunderttausende auf der Straße. Dies ist zum Glück noch nicht der Fall. Aber es könnte passieren, bei den Freitagsgebeten.