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Standpunkt

Kommentar: Eine bemüht politische Weltkunstschau documenta14

In Kassel öffnet sich Teil zwei der documenta14 für das Publikum. Mit ihrem Ziel, modern und ausdrücklich politisch zu sein, bleibt die Weltkunstschau jedoch hinter ihren Möglichkeiten zurück, meint Stefan Dege.

Deutschland documenta 14 Real Nazis von Piotr Uklanski (Reuters/K. Pfaffenbach)

Projektkunst "Real Nazis" von Piotr Uklanski - zu sehen in der Neuen Galerie in Kassel im Rahmen der documenta14

Sie sei die wichtigste Kunstschau der Welt, heißt es über die documenta. Und glaubt man documenta-Chef Adam Sczymczyk, ist sie es immer noch. Der junge Pole hat das Mega-Event zur Hälfte nach Athen verlegt, an die einstige Wiege und den heutigen Hinterhof Europas. Er hat so den ersten Aufschlag für den an Terminen reichen Super-Kunstsommer 2017 gelandet. Er hat der Weltkunstschau einen ideologischen Überbau verpasst und politische Ansprüche formuliert: In "unsicheren Zeiten" müsse sich die Kunst von "überkommenen Gewissheiten" lösen, "von Athen lernen", "Lernen als Arbeitsprinzip der documenta" - mit diesen Mantras spannten er und sein Kuratorenteam den Erwartungsbogen für die documenta in Kassel.

Anything goes

Herausgekommen ist - anything goes - ein Marktplatz der Meinungen, der politischen Statements, der weltweiten soziologischen Bestandsaufnahmen, der historischen Korrekturen. Da werden Breschen für die Meinungsfreiheit geschlagen, Geschichten von Urvölkern zwischen Polarkreis und Australien erzählt, filmische Reiseberichte abgeliefert, die Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern beleuchtet oder der Klimawandel verhandelt.

Dege Stefan Kommentarbild App

DW-Kulturredakteur Stefan Dege

Viele Künstler tun das nicht mehr mit Malerei oder Skulptur. Das klassische Tafelbild überlebt bestenfalls als Zitat. Der aktuelle Künstler gestaltet eher einen Film, windet sich in Performances, baut an Artefakten reiche Installationen oder eine Dokumentation. Die ganz Unerschrockenen vermischen sämtliche Ausdrucksformen. Und die Kunst? Sie verändert mit ihrer Darreichungsform auch ihre Ästhetik: Sie wird immer beliebiger, schneller, kurzlebiger und - was den Kunstmarkt ärgert - weniger leicht verkäuflich. Zugleich steigt der Druck, das jeweilige Opus zu erläutern: Viele Arbeiten erschließen sich dem simplen Kunstfreund nämlich nicht ohne kuratorischen Beipackzettel.

Wo ist das, was junge Künstler umtreibt?

Keine documenta zuvor sei je so politisch gewesen, heißt es über die Ausgabe des Jahres 2017. Betrachtet man Anspruch und Auswahl der Kuratoren um Adam Sczymczyk, mag das sogar stimmen. Doch wo sind die Kunstwerke, die sich mit der digitalen Vernetzung auseinandersetzen - der vielleicht größten technologischen und politischen Umwälzung in der Menschheitsgeschichte? Wo ist das, was junge Künstler heute umtreibt? Wer danach sucht - ob in Kassel oder Athen - wird enttäuscht.

Vor 62 Jahren entstand die documenta aus der Idee, zeitgenössische Kunst könne einen stabilisierenden Beitrag zu einer jungen und noch fragilen Demokratie leisten. Wer sich heute umschaut in der globalisierten Welt mit ihren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Umbrüchen, könnte seine Erwartungen an die Kunst nicht aktueller formulieren. Die documenta mag wichtig sein - als Mekka der Kunst für 100 Tage, wie als Wirtschaftsfaktor für die gastgebende Region. Aber wer nach Kassel aufbricht, um den Stand der Kunst zu betrachten, sollte sich keine falschen Vorstellungen machen.

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