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Europa

Kommentar: Ein Weihnachtsgeschenk für Del Ponte

Der wegen Kriegsverbrechen gesuchte kroatische Exgeneral Gotovina ist in Haft. Viel wichtiger als diese Tatsache ist jedoch, wie Kroatien mit dem dunklen Kapitel seiner jungen Geschichte umgeht, meint Bettina Burkart.

Damit hatte im Moment niemand wirklich gerechnet: Der kroatische General Ante Gotovina, seit vier Jahren untergetaucht und auf der Flucht, wurde auf Teneriffa aufgespürt und verhaftet. So wird für Kroatien wahr, was als Forderung für Serbien laut und deutlich im Raum stand: die Verhaftung von Ratko Mladic bis Weihnachten.

In Kroatien dagegen war das Thema Gotovina im Augenblick nicht wirklich virulent. Der letzte Wirbel um die Vorwürfe der Chefanklägerin Carla Del Ponte, Gotovina sei in Kroatien, vermutlich geschützt von der katholischen Kirche, hatte sich gelegt. Stattdessen hatten endlich die Verhandlungen mit der Europäischen Union begonnen und das nach der Bestätigung durch eben diese Chefanklägerin, dass Kroatien gut mit dem Haager Tribunal zusammenarbeite.

Hat es Ende September, Anfang Oktober Absprachen darüber gegeben, wie verfahren würde, wenn denn die Verhandlungen begännen? Wollte man Kroatien den Gesichtsverlust ersparen, wirklich mit "Bargeld" - so die wörtliche Übersetzung des Wortes Gotovina - für diesen Beginn bezahlt zu haben? Also erst Gespräche - dann Verhaftung? Schon lange fiel es schwer zu glauben, dass die versammelten Geheimdienste dieser Welt so gar nicht auf die Spur des Geflüchteten kommen konnten.

Die volle Wahrheit wird man vielleicht so schnell nicht erfahren. Jahrelang wurde hinter den Kulissen verhandelt, wurde aber auch gelogen oder mit Vermutungen hausieren gegangen, wurden Vorwürfe erhoben und Druck gemacht, wurde der so genannte Fall Gotovina innen- wie außenpolitisch genutzt, um auch auf ganz anderen Gebieten als der reinen gerichtlichen Strafverfolgung dieses oder jenes durchzusetzen.

Der kroatische Ministerpräsident Ivo Sanader hat in einer ersten Reaktion seine Zufriedenheit darüber geäußert, dass jetzt bewiesen sei, dass erstens Gotovina sich tatsächlich nicht im Lande aufgehalten habe und dass zweitens die kroatischen Institutionen zuverlässig gearbeitet hätten und der Rechtsstaat funktioniere. Manch einer wird sich in diesem Moment dennoch an die Laviererei nicht nur dieses Ministerpräsidenten zum Thema Gotovina erinnern.

Schwamm drüber - abzuwarten ist jetzt vielmehr, ob und wie der Prozess gegen Gotovina sich auf die Einstellung der Menschen im Land auswirkt, ob er zu einer Auseinandersetzung der Kroaten mit den dunkleren Punkten ihrer Geschichte während des Krieges führt. Gotovina - von vielen in Kroatien als Held verehrt - ist Beispiel für eine Denkweise, die besagt, das Kroaten grundsätzlich keine Kriegsverbrechen begangen haben könnten, da sie sich ja in einem Verteidigungskrieg befunden hätten. Eine absurde, aber immer wieder gern geäußerte These, die denn auch dazu führt, dass am selben Tag, an dem die Verhaftung Gotovinas bekannt wurde, über eine Morddrohung gegenüber einem namhaften Journalisten zu berichten ist, der sich thematisch mit Verbrechen an serbischen Zivilisten durch Kroaten befasst.

Die entscheidende Frage ist also nicht, ob Gotovina nun in Den Haag ist oder nicht. Die wirklich entscheidende Frage ist, ob sich die kroatische Gesellschaft insgesamt endlich aufmacht, ihre eigene jüngere Geschichte auch in Bezug auf dieses Thema aufzuarbeiten.

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