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Kommentare

Kommentar: Ein Trauma zur Begrüßung

Der Vorfall von Clausnitz hat viele Deutsche schockiert. Doch Empörung darf nicht die einzige Reaktion bleiben, wenn dies kein Einzelfall bleiben und den Flüchtlingen wirklich geholfen werden soll, meint Nalan Sipar.

"Verdammt!" fluchte ich innerlich und habe mich ganz klein auf meinem Stuhl im Klassenzimmer gemacht. Unsere Deutschlehrerin stand an der Tafel und hatte gerade angekündigt: "Jetzt lese ich Euch ein paar lustige Stellen aus einer eurer Klassenarbeiten vor." Schon ihre erster Satz bestätigte meine größte Furcht: Es war meine Arbeit! Und sie las und las und hörte nicht auf! Ich, damals 15, war gerade ein halbes Jahr zuvor als Flüchtling nach Deutschland gekommen und machte natürlich noch Fehler in der deutschen Grammatik. Weshalb meine Klassenlehrerin mich nun lächerlich machte! Und die ganze Klasse hat sich königlich amüsiert.

Was hätte ich machen können, um dem Spott und dem Gelächter zu entkommen? Ich saß da und wäre am liebsten im Erdboden versunken. Stattdessen lief ich rot an und kämpfte gegen meine Tränen. Erst als ich zu Hause ankam und meinem Vater (übrigens selbst ein Lehrer) in die Arme fiel, konnte ich mir die Seele aus dem Leib weinen. Diesen Tag werde ich den Rest meines Lebens nicht vergessen.

Auch Clausnitz kann man nicht vergessen

So wie auch die Flüchtlinge von Clausnitz den 18. Februar nicht mehr vergessen werden. Der Vergleich zwischen meinem harmlosen Erlebnis und dem Vorfall in Clausnitz mag auf den ersten Blick vielleicht anmaßend wirken. Aber auch der kleine Junge, der weinend aus dem Bus ausgestiegen ist, wird diesen Tag nicht mehr aus seinem Kopf bekommen. Er wird von diesen Menschen träumen und dieses Gebrüll überall hören.

Internationale Volontäre der Deutschen Welle Nalan Sipar

DW-Redakteurin Nalan Sipar ist Kurdin und lebt seit ihrem 15. Lebensjahr in Deutschland

Lassen Sie sich selbst noch einmal ganz bewusst diese Bilder und dieses Gebrüll durch den Kopf gehen: Was würden Sie eigentlich bei solch einem Empfang von ihrer neuen Heimat und ihren künftigen Nachbarn halten? Würden Sie mit ihnen zusammenleben, geschweige denn sich in ihre Gesellschaft integrieren wollen? Oder würden Sie als Fremder, der fast nichts über dieses Land weiß, von diesem Mob eher auf die ganze deutsche Gesellschaft schließen und alle als Rassisten abstempeln?

Wenn wir also hoffen und erwarten, dass sich die Flüchtlinge integrieren, wenn wir sie als unsere guten Nachbarn in unseren Städten und Dörfern gewinnen wollen, dann müssen wir dafür sorgen, dass sie Clausnitz vergessen. So ganz kann das im Zeitalter des weltweiten und nichts vergessenden Netzes nicht klappen. Aber wir müssen es zumindest versuchen.

Was die Flüchtlinge jetzt brauchen

Die Flüchtlinge brauchen jetzt erfahrene Psychologen, die sich ihrer unsichtbaren Wunden annehmen können. Fachleute warnen nämlich, dass solche traumatische Erfahrungen für Menschen wie sie, die zum Teil schon im Krieg und auf der Flucht Schreckliches erleiden mussten, heftige Reaktionen bis hin zum Suizid auslösen können.

Sie brauchen darüber hinaus verständnisvolle Pädagogen, die ihnen mit Geduld sowohl die Sprache als auch die Werte unserer Gesellschaft beibringen und erklären. Und sie brauchen eine Politik, die sie nicht im Unklaren lässt, was sie mit ihnen vor hat.

Die sind nicht das Volk!

Jeder Mensch hat schon eine schlechte Erfahrung gemacht, die er oder sie nie im Leben vergessen wird, so wie ich meine Bloßstellung vor der ganzen Klasse. Ich hatte aber Glück, dass mein Vater mich beruhigen und wieder auffangen konnte. Auch die Flüchtlinge in Clausnitz brauchen so jemanden, insbesondere die, die möglicherweise ganz alleine nach Deutschland gekommen sind. Denen keine Familienangehörige die Schulter bieten, an der sie Trost finden oder sich ganz einfach ausweinen können.

Was aber alle Flüchtlinge NACH Clausnitz - nicht nur die IN Clausnitz - am allermeisten brauchen, sind Menschen, die ihnen beweisen, dass nicht alle in Deutschland so sind wie jene, die irgendwo in Sachsen "Wir sind das Volk" grölen. Sie brauchen Menschen, die die Integration der Neuankömmlinge zu ihrer ganz persönlichen Sache machen und sich konkret als Helfer engagieren. Menschen, die wie Albert Einstein wissen, "dass die Welt mehr bedroht ist durch die, welche das Übel dulden oder ihm Vorschub leisten, als durch die Übeltäter selbst."

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