Kommentar: Ein Sieg der Demokratie in Südkorea | Kommentare | DW | 10.03.2017
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Standpunkt

Kommentar: Ein Sieg der Demokratie in Südkorea

Vor 30 Jahren gingen die Menschen in Südkorea für freie Wahlen auf die Straße. Jetzt wurde die Präsidentin von einer demokratischen Volksbewegung gestürzt. Ein für Südkorea epochales Ereignis, meint Fabian Kretschmer.

Amtsenthebungsverfahren in Südkorea (Getty Images/AFP/J. Y.eon-Je)

Den ganzen Herbst 2016 hindurch forderten Demonstranten den Rücktritt von Präsidentin Park Geun Hye

Erneut sind heute die tiefen Gräben der südkoreanischen Gesellschaft offen zutage getreten: Als die Verfassungsrichter ihr Urteil über die Amtsenthebung der Präsidentin Park Geun Hye verkündeten, vergossen Hunderte ihrer Anhänger in der Seouler Innenstadt Tränen der Trauer. Nur wenige Meter entfernt, auf der anderen Seite der Polizeibarrikaden, weinten die Demonstranten vor Freude. Ideologisch verbindet die beiden Seiten nichts. 

Und dennoch war eine Sache dieses Mal anders: Obwohl die gesellschaftliche Teilung Südkoreas normalerweise entlang der zwei politischen Lager verläuft, haben in den vergangenen Wochen tatsächlich auch viele Konservative die Forderung der linken Aktivisten unterstützt. Auch sie wollten ihr Staatsoberhaupt, das sie noch vor vier Jahren voller Euphorie gewählt haben, aus dem Amt drängen. Zu groß war die Enttäuschung nach den großen Erwartungen, die Park Geun Hye vor ihrer Wahl geweckt hatte.

Gescheiterter Kampf gegen Korruption

2013 war sie nicht zuletzt mit dem Versprechen angetreten, die engen Verflechtungen zwischen den großen Konzernen und der Regierung zu kappen. Doch längst ist hinlänglich erwiesen, dass die 65-jährige Politikerin nicht nur mit ihren Reformbemühungen auf ganzer Linie gescheitert ist, sondern selbst Teil des korrupten Systems war. Millionenbeträge hat Park Geun Hye von Konzernen wie Lotte, Samsung und Co. für dubiose Sportstiftungen erpresst, unliebsame Künstler systematisch von Subventionen abgeschnitten und kritische Journalisten mit Diffamierungsklagen mundtot gemacht.

Dennoch hielt eine letzte Bevölkerungsgruppe weiterhin zu ihrer Präsidentin und verehrte sie trotz wöchentlich neu auftauchender Skandale wie eine Ikone: die Senioren des Landes. Viele der über 70-Jährigen haben die bittere Armut der Nachkriegszeit am eigenen Leib erlebt. Mit harter Arbeit und kollektiver Loyalität gegenüber ihrem Heimatland haben sie den Grundstein für den rasanten Wirtschaftsaufstieg Südkoreas gelegt. Unter dem Militärdiktator Park Chung Hee, dem Vater von Park Geun Hye, ist das Land aus den Ruinen des Koreakriegs emporgestiegen.

DW Kommentarbild PROVISORISCH

Fabian Kretschmer arbeitet als freier Korrespondent in Seoul

Kein Land für alte Leute

Heute blicken große Teile der Senioren mit Nostalgie auf ein wohlhabendes Land, in dem sie jedoch als Abgehängte längst keinen Platz mehr zu haben scheinen. Südkorea leidet unter der höchsten Altersarmut aller OECD-Länder, während die konfuzianischen Familienbindungen in der turbokapitalistischen Gesellschaft weitgehend erodiert sind. Viele Alte leben vereinsamt und verarmt in Elendssiedlungen an den Berghängen der Hauptstadt.

Doch der Frust der Alten ist auch eine Folge der jahrzehntelangen ideologischen Gehirnwäsche unter den Militärdiktatoren Südkoreas. Bis in die 1980er-Jahre durchdrang die Gesellschaft die allgegenwärtige Paranoia des Kalten Krieges. Der Feind lag mit Nordkorea quasi direkt vor der Haustür. Für alle Übel wurde das Regime in Pjöngjang verantwortlich gemacht - auch für die innenpolitische Opposition. Dieses Freund-Feind-Schema hat bei den Park-Anhängern bis heute überdauert. Geradezu psychotisch vermuten sie hinter jeder Demonstration von Linken nordkoreanische Agenten oder heimliche Kommunisten.

Politisierte Jugend

Dabei wurden die Kerzenscheindemonstrationen, die nun letztlich zur Absetzung der Präsidentin geführt haben, von der Jugend angeführt. Einer Jugend, die es leid ist, dass korrupte Eliten aus Wirtschaft und Politik scheinbar über dem Gesetz stehen, während sie mit prekären Arbeitsverhältnissen und endlosen Bürozeiten zu kämpfen haben. "Hell Chosun" nennen sie ihr Heimatland, in Anlehnung an die koreanische Feudalgesellschaft Chosun aus dem 19. Jahrhundert. Sie haben den Glauben verloren, dass Fleiß und Bildung für den sozialen Aufstieg ausreichen. Für sie symbolisiert die Amtsenthebung Park Geun Hyes auch eine Genugtuung.

Die Kerzenscheindemonstrationen, die am Samstag in ihre letzte, 20. Runde gehen werden, haben nicht zuletzt eine als hedonistisch und materialistisch verschriene Generation politisiert. Die Oberschüler und Studenten des Landes standen an vorderster Reihe bei den friedlichen Protesten. Sie haben erfahren, dass ihr Engagement letztlich etwas bewirken kann - selbst gegen die mächtigste Person des Landes.

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