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Tour de France

Kommentar: Ein Sieg über die Zweifler

Die Tour de France und die Deutschen: Das war eine "amour fou" - bis zur hässlichen Scheidung. Die nun wiederentdeckte Zuneigung sollte auch dem Sport-Standort Deutschland Mut machen, meint Joscha Weber.

Sonntagmorgen, beste Frühstückszeit. Normalerweise ein Moment, in dem es im gehobenen bürgerlichen Düsseldorfer Stadtteil Grafenberg beschaulich zugeht. Noble Villen reihen sich hier in begehrter Hanglage bis zum Waldrand aneinander. Man begegnet älteren Herrschaften auf dem Hundespaziergang und an ein paar Sonntagen im Jahr kommt betuchtes und behütetes Publikum zum Pferderennen auf der nahen Rennbahn. Sonst passiert hier nicht viel. An diesem Sonntag ist das anders.

Schon am Morgen stehen hier Hunderte, vielleicht sogar mehrere Tausend Zuschauer, recken ihre Hälse und blicken bergabwärts. In ein paar Minuten soll hier die Werbekarawane vorbeikommen, die Fahrer der Tour de France sind noch in ihren Hotels. Doch die Fans sind längst da und stehen in Dreier-, Viererreihen am Streckenrand. Wer hätte das gedacht?! Deutschland und der Radsport, Deutschland und die Tour de France - das war eine heiße Liebesaffäre, die 1997 mit Jan Ullrichs Sieg hell aufflammte. Eine "amour fou" wie die Franzosen sagen, eine verrückte Liebe, die zehn Jahre und diverse Dopingskandale später jäh endete. Das Fernsehen und große Teile des deutschen Publikums reichten tief enttäuscht die Scheidung ein. Le Tour, c'est fini.

Weber Joscha Kommentarbild

DW-Redakteur Joscha Weber

Düsseldorf übertrifft die eigenen Erwartungen

Nun ist die Tour zurück und die Deutschen entdeckten ihre Zuneigung zum Rennen neu. Zum Auftaktzeitfahren durch Düsseldorf standen eine halbe Millionen Menschen im Dauerregen am Streckenrand. Patschnass, aber so lautstark, dass Publikumsliebling Tony Martin kein Wort seines Teamfunks verstand. Die deutschen Profis waren tief bewegt von der begeisterten Atmosphäre, die Organisatoren frohlockten und die internationale Presse gab sich beeindruckt. Düsseldorf übertraf die eigenen Erwartungen trotz des miserablen Wetters.

Es ist auch ein Sieg über die Zweifler. Das Projekt "Grand Départ Düsseldorf" hatte viel Gegenwind. Nur mit einer Stimme Mehrheit brachte Oberbürgermeister Thomas Geisel den Tourstart durch den städtischen Rat. Die Opposition beklagte vermeintlich hohe Kosten, ein paar Bürger beschwerten sich über unvermeidbare Straßensperrungen und fanden dabei in den Medien Gehör. Das gesamte Projekt stand mehrfach auf der Kippe. Es schien, als traue sich Deutschland nach den Olympia-Neins in München und Hamburg nicht mehr an Sport-Großereignisse. Ausgerechnet eine der führenden Sportnationen der Welt macht Sportevents durch behördliche Auflagen, Debatten um mögliche finanzielle Defizite und Anwohnerbeschwerden unmöglich? Es wäre eine Schande.

Ein Plädoyer für den Sport

Denn welche Wirkung der Sport entfalten kann, zeigte sich auch am zweiten Tag der Tour de France: Hundertausende säumten die Tour-Strecke auf deutschem Boden von Düsseldorf über Mettmann, Mönchengladbach und Aachen bis zur belgischen Grenze und das erneut bei teilweise heftigen Regenschauern. In jeder Stadt, in jedem Dorf entlang des Parcours standen die Menschen in dichten Reihen, um einen kurzen Blick auf das Peloton der Tour zu erhaschen. Die Beziehung der Deutschen zur Tour hat sich weiterentwickelt. Es ist nicht mehr die naive Gutgläubigkeit der Ullrich-Ära, auch nicht die beleidigte Abkehr. Es ist ein gereiftes Verhältnis, durchaus nicht unkritisch, aber begeisterungsfähig. Die Stimmung am Streckenrand sollte Deutschland zeigen, dass Sportevents auch abseits von König Fußball eine breite gesellschaftliche Basis haben. Diese Erkenntnis wird reifen - spätestens wenn im beschaulichen Grafenberg wieder Ruhe einkehren wird.

 

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