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Kultur

Kommentar: Ein Papst mit Herz und Verstand

Schon in seinem ersten Amtsjahr hat Papst Franziskus der Kirche zum Aufbruch verholfen, bilanziert DW-Redakteur Stefan Dege.

Bergoglio wer? Die meist gestellte Frage am Abend des 13. März 2013 blieb nicht lange unbeantwortet. Kaum einer hatte den Argentinier auf dem Schirm. Als Erzbischof von Buenos Aires ging er in das Konklave. Als Papst Franziskus kam er heraus. Ein Mann, wie sich bald zeigte, des Wortes, der Tat und - vor allem - des Zeichensetzens. Ein Jahr danach ist Franziskus Liebling der Medien und Hoffnungsträger vieler Menschen - nicht nur von Katholiken. Ein Übermensch ist er freilich nicht.

Franziskus schlug Pflöcke ein

Bereits sein Name war Programm: Bescheidenheit und Demut wurden Attribute des neuen Papstes. Franziskus schlug Pflöcke ein für eine arme, aber menschen- und lebensnahe Kirche. Den ideologischen Überbau dazu lieferte er im November - harter Stoff für weite Teile der Amtskirche. Sein erstes apostolisches Lehrschreiben atmete auch den Geist des Sozialrevolutionären, da Franziskus ungeschminkt Kapitalismuskritik übte.

Der neue Papst fuhr auf die italienische Insel Lampedusa, wo er vor gestrandeten Flüchtlingen sprach und Europa an seine Pflicht zur Mitmenschlichkeit erinnerte: "Die Wohlstandskultur macht uns unempfindlich für die Schreie der anderen und führt zur Globalisierung der Gleichgültigkeit". Sätze wie diese ließen aufhorchen, denn sie strotzten vor moralischer Kraft. In der Folge blieb auch die päpstliche Friedensinitiative für Syrien nicht unbeachtet.

Frischer Wind im Vatikan

Innerkirchlich gab Franziskus den Reformer. Er machte Frauen Hoffnung auf mehr Mitsprache in der Kirche. Er versicherte Homosexuellen, dass die Kirche sie nicht verurteile. Im Vatikan knöpfte er sich die kirchlichen Finanzinstitutionen vor. Er ging den Missbrauchsskandal offensiv an. Er setzte das Thema Sexualität und Familie auf die Reformagenda. Und er scharte eine Runde aus Kardinälen aus aller Welt um sich, um die Kurie, die Herzkammer der Weltkirche, zu entrümpeln.

Seither weht ein frischer Wind im Vatikan. Bei den Gläubigen kommt das an. Kritikern geht die Erneuerung der Kirche aber nicht schnell genug. Andere wehren sich gegen Veränderungen. Ein Richtungsstreit mit offenem Ausgang. Wo die Kirche am Ende landet, ob sie den Kurs der Erneuerung fortsetzt oder ob sie - wie schon einmal nach dem zweiten Vatikanischen Konzil - in altes Fahrwasser zurückfällt, muss sich zeigen. Klar ist schon jetzt: Mit Herz und Verstand hat Franziskus seiner Kirche zum Aufbruch verholfen. Schon das ist eine große Leistung.

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