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Kultur

Kommentar: Ein Papst als Soziales Medium

Papst Franziskus hat mit seiner Reise ins Heilige Land Aufsehen erregt. Franziskus zeigt, wie Konfliktrituale überwunden werden könnten. Das schürt hohe Erwartungen, meint DW-Kirchenexperte Christoph Strack.

Er wollte nur Pilger sein. Aber Papst Franziskus hat eine politisch hoch brisante Reise ins Heilige Land absolviert. Die Region ist buchstäblich vermintes Terrain, in dem ein einseitig zu interpretierendes Wort, ja nur eine falsche Geste zu Missstimmung führen kann. Das katholische Kirchenoberhaupt hat seine zweite Auslandsreise mit Bravour bewältigt. Durch eine Region, in der Religion und Politik kaum zu trennen sind.

Dem Bergoglio-Papst gelang auf souveräne Weise jeder Schritt der knapp drei Tage im Heiligen Land. Eben weil er nicht mit einem primär politischen Anliegen auf Tour ging.
Und in der ihm eigenen Art setzte Franziskus unerwartete Zeichen: Schweigend und betend stand er vor der israelischen Trennmauer mitten im palästinensischen Bethlehem, vor der Klagemauer in Jerusalem, schließlich vor einem Mahnmal für all jene Israelis, die Opfer von Terror wurden. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Franziskus' Ausdruck von Mit-Leiden. Wer ihm da - auf beiden Seiten des Konflikts - weitere Absichten unterstellt, instrumentalisiert ihn.

Der Papst umarmte an der Klagemauer den jüdischen Freund und den muslimischen Wegbegleiter aus argentinischen Tagen, küsste in Yad Vashem Holocaust-Überlebenden die Hand. Und seine Rede in der Gedenkstätte für die sechs Millionen Toten der Shoa wurde zu einer Zwiesprache von Gott und Mensch. Gebet, Zweifel, Ringen auch. "O Mensch, wer bist Du geworden" und "nie mehr, Gott, nie mehr". Da klang jedes Leid in diesem Land, jede Ungerechtigkeit weltweit mit an. Wie bei seiner während der Reise beschwörend wiederholten Absage an jede Unterdrückung, an Antisemitismus und Terror.

In Worten und Taten sprach Franziskus Unrecht, Hass und Gewalt in einer Deutlichkeit und Ehrlichkeit an, die bei offiziellen Besuchen in der Region selten vorkommt. Aber er will die Logik des Konflikts durchbrechen. Seiner Einladung zu einem Friedensgebet im Vatikan folgten die Präsidenten Israels und der Palästinensergebiete prompt. Es mag nur ein Zeichen sein - aber was für eins! Da werden im Vatikan Jude, Muslim und Christ gemeinsam beten und damit der Region und der Welt demonstrieren, dass es jenseits von Realpolitik und Gewalt etwas anderes gibt, das verbindet. Israels Präsident Schimon Peres sieht schon neuen Schwung für die erst kürzlich wieder krachend gescheiterten Friedensverhandlungen. Gewiss, das Treffen im Vatikan kann Zeichen sein, wird aber gewiss nicht die Lösung bringen. Die drei Männer, die da zusammenkommen sind zusammen 246 Jahre alt, Peres scheidet Ende Juni aus dem Amt. Und doch gilt. Wer gemeinsam gebetet hat, sollte anders miteinander umgehen. Ein Beispiel für nachfolgende Generationen.

Das gilt erst recht für den eigentlich offiziellen Anlass der Reise. Vier Mal traf Franziskus mit dem Ehrenoberhaupt der Orthodoxie zusammen, dem griechisch-orthodoxen Patriarchen Bartholomaios. Nach 960 Jahren der Trennung wollen Papst und Patriarch - die Nachfolger der Apostel Petrus und Andreas - tatsächliche Kirchengemeinschaft erreichen und gemeinsam stärker für die Bewahrung der Schöpfung, soziale Gerechtigkeit und Religionsfreiheit kämpfen. Täusche sich niemand - da geht es nicht nur um kirchliche Lyrik. Der Balkankrieg, aber auch der Streit um die Ukraine und der gegenwärtige Kuschelkurs mit dem Kreml seitens der russischen Orthodoxie, die Bartholomaios einbinden muss - sie zeigen, dass es bei diesem West-Ost-Thema auch um das gemeinsame Europa und seine Seele geht.

Papst und Patriarch Hand in Hand, die einander den Vortritt lassen wollen in das Heilige Grab. Da brachte der frühe heiße Sommer von Jerusalem eine frühlingshafte Stimmung, weil die religiösen Führer einander menschlich begegnen.

Auch das kostet Kraft. Der 77-jährige Franziskus wirkte einige Male müde beim offiziellen Wort. Aber mit seiner direkten Art - gegenüber Kindern im Flüchtlingslagern und staatlichen Spitzenleuten, Holocaustüberlebenden und religiösen Repräsentanten - erreicht er jeden und Unerwartetes. "A holy rockstar of souls", sagte ein israelischer Fernsehkommentator. Nein, nicht heilig. Einfach ein Papst als soziales Medium. Wer aber politisch und kirchlich so viel in Bewegung bringen will, kann vielleicht nur betend und hoffend pilgern.