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Kommentar: Ein Land verändert sich

Donald Trumps Erfolg sagt viel über Amerika aus. Der Verdruss über die politische Elite ist verständlich, erklärt aber noch nicht den Erfolg des aggressiven Tons. Das könnte schlimm ausgehen, meint Gero Schließ.

In Amerika wird derzeit Geschichte geschrieben. Das ist immer aufregend. Doch in diesem Fall ist es dramatisch. Denn ein ganzes Land verändert sich gerade. Donald Trump ist derjenige, der diese Dynamik, wenn nicht ausgelöst, dann doch beschleunigt und in eine bedrohliche Richtung gelenkt hat. Wie ein Bulldozer rüttelt er an den Fundamenten dieser einstmals so selbstsicheren, freiheitsliebenden Nation.

Und die lässt es mit sich machen. Trump beschimpft Frauen - und bekommt von ihnen bei den Vorwahlen mehr Stimmen als alle seine republikanischen Konkurrenten. Er tritt für eine liberale Abtreibungspolitik ein, wirbt in seinen Casinos für Sexclubs und tritt das christliche Humanitätsgebot mit Füßen - und ist doch bei den ultra-konservativen Evangelikalen erfolgreich. Die Reihe ließe sich fortsetzen mit weiteren Opfergruppen Trumpscher Tiraden.

Hat Amerika sich aufgegeben?

Das Land scheint morsch, wie ein machtvoller Baum, der sich bedrohlich neigt. Und es ist noch nicht absehbar, ob er den aufziehenden Unwettern standhalten kann oder krachend umstürzt.

Morsch ist aus Sicht eines immer größeren Teils der Bevölkerung die bisherige Elite, die allein an sich selbst denkt. Die trotz wirtschaftlichen Wohlergehens den Mittelstand langsam aushungert und ihn um die Früchte seiner Arbeit bringt. Dass immer mehr Amerikaner deswegen wütend werden, ist nachvollziehbar. Aber nicht die Schlüsse, die sie daraus ziehen.

Sehnsucht nach dem starken Mann

Trump ist der starke Mann, dem man zutraut, dass er das endlich ändert. Und wenn es einem noch so schillernd vorkommt: Wenn er den Massen einhämmert, er werde die Chinesen, die Mexikaner oder sonstwen "schlagen" und Amerika zu alter Größe zurückführen, ist ihm der Jubel sicher. Auch wenn nirgends ein brauchbares Politikkonzept zu sehen ist. Spätestens seit dem "Superdienstag" weiß man, dass Trump damit bei breiten Bevölkerungsschichten ankommt, wie es bei den Republikanern vor ihm vielleicht nur Ronald Reagan gelungen ist: bei Frauen und Männern, Weißen und Schwarzen, Jungen und Alten, Armen und Reichen, in südlichen wie in nördlichen Bundesstaaten.

Angst und Aggression

Trumps Erfolg sagt viel über die Amerikaner aus, über die Verfassung dieses Landes. Aber es sind keine guten Botschaften, die sich daraus ableiten lassen. Auch nicht für die Deutschen und die anderen Verbündeten.

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Gero Schließ ist Korrespondent in Washington

Das Land verändert sein Gesicht. Anstand und Höflichkeit sind scheinbar auf dem Rückzug, Bosheit und Berechnung werden belohnt. Weltpolitisches Verantwortungsbewusstsein macht nationaler Egozentrik Platz. Angst und Aggression gehen eine ungute Symbiose ein. Trump ist der Champion dieses Paradigmenwechsels. Viele halten ihn für großartig, weil er bösartig ist. Die USA waren seit ihrer Gründung Sehnsuchtsort für Millionen von Menschen aus aller Welt, weil sie die Aussicht auf ein besseres, gerechteres Leben boten. Plötzlich sollen Mauern den Zugang verwehren. Und die Mehrheit der Amerikaner findet das richtig.

Rechtspopulistische Gegenrevolution

Vielleicht ist es sogar zwangsläufig, dass auf den ersten schwarzen Präsidenten eine rechtspopulistische Gegenrevolution folgt. Barack Obama ist bis heute in großen Teilen der Bevölkerung umstritten. Er wurde auf einer Welle der Hoffnung in sein Amt getragen und hat am Ende selbst viele seiner Anhänger enttäuscht - auch wenn es gar nicht so schlecht läuft, die Arbeitslosigkeit beispielsweise auf ein Rekordniveau gesunken ist und die Wirtschaft stetig wächst. Obama hat versucht, das Land liberaler und sozialer zu machen. Doch das alles ist bei vielen Menschen offensichtlich nicht angekommen.

Jetzt verfängt Trumps negative Energie bei so unvorstelllbar vielen Menschen. Was ist aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten mit seinen stolzen, zuversichtlichen Bürgern geworden?

Ratlosigkeit

Viele Menschen fragen jetzt 'Warum?' Doch alle bisherigen Erklärungen sind bestenfalls tastende Versuche auf unbekanntem Gelände. Selbst in Washington, wo unter den regierungsamtlichen Politprofis, studierten Thinktankern, weitgereisten Diplomaten und journalistischen Kapazitäten am Ende sich immer noch jemand findet, der auf die abwegigste Frage eine Antwort weiß - selbst hier nur Schweigen.

Sicher, noch ist Amerika nicht verloren. In die Selbstprüfung muss bisher nur eine Hälfte der Bevölkerung gehen - diejenigen, die republikanisch wählen oder der Grand Old Party nahestehen.

Doch wer sagt, dass dieses Virus an Parteigrenzen halt macht? Und noch ist auch nicht ausgemacht, dass Hillary Clinton, sollte sie es werden, den immer wahrscheinlicher werdenden Präsidentschaftskandidaten Donald Trump aus dem Feld schlagen kann.

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