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Standpunkt

Kommentar: Ein großer Staatsmann

Er galt als der "Kanzler der Einheit" und als ein Politiker, der für Europa kämpfte. Den Tod des am längsten amtierenden deutschen Bundeskanzlers kommentiert Alexander Kudascheff.

Helmut Kohl war der Kanzler der deutschen und der europäischen Einheit. 16 Jahre deutscher Bundeskanzler, ein Vierteljahrhundert CDU-Parteivorsitzender - allein das zeigt ein unglaubliches Durchhaltevermögen, eine stupende Durchsetzungskraft, den stählernen Willen zur Macht, aber auch demokratisches Fortune bei Wahlen. Viermal wurde Helmut Kohl als Kanzler wiedergewählt - eine imponierende politische Lebensleistung. 

Und als scheinbar ewiger CDU-Parteivorsitzender war sein Gespür für Entwicklungen in den eigenen Reihen, sein Misstrauen gegenüber kritischen Strömungen legendär. Allerdings: Als er 1989 ums politische Überleben als Parteivorsitzender auf einem CDU-Parteitag in Bremen kämpfte, da kam ihm zu Hilfe, dass der Eiserne Vorhang aufging. Und: Kohl nutzte die Chance, die sich durch den Fall der kommunistischen Diktaturen für ihn und für Deutschland auftat. Er gestaltete Geschichte. Er nutzte das Fenster der historischen Gelegenheit. Kohl wurde in diesen Monaten zum Staatsmann.

Kudascheff Alexander Kommentarbild App

Alexander Kudascheff, der ehemalige Chefredakteur der Deutschen Welle

Politiker mit historischem Instinkt

Ohne Zweifel: Helmut Kohl ist der Kanzler der deutschen Einheit. Er war der Politiker, der sich über Zögerlichkeiten, Ängste, Vorbehalte im In- und Ausland hinwegsetzte - und ab November 1989 zielsicher die deutsche Einheit anstrebte und schließlich am 3. Oktober 1990 verwirklichte. Er zeigte politischen, ja historischen Instinkt in dem Moment, als es darauf ankam. Damit wurde er für manchen zum Bismarck des 20. Jahrhunderts.

Helmut Kohl war aber nicht nur ein deutscher Patriot, der das Geschenk der historischen Umwälzungen im Osten Europas aufgriff. Der Rekordkanzler war auch ein überzeugter Europäer. Ein Politiker der in 16 Jahren und auf unzähligen europäischen Gipfeltreffen immer bereit war, die Einheit Europas voranzutreiben. Das galt für die alte EG, für die größer werdende Gemeinschaft der EU, für die Beitrittssperspektiven der mittel- und osteuropäischen Länder, die erst 2004 zustande kam.

Helmut Kohl aber war - und das macht seinen Rang als europäischer Staatsmann aus - der Mitbegründer der europäischen Währung, des Euro. Weil er - in großen historischen Linien denkend - begriff, dass nur eine Gemeinschaftswährung, die Aufgabe der starken deutschen Mark, mögliche Ressentiments in Frankreich, Großbritannien und anderen Ländern der EU überwinden half. Ein richtige Entscheidung, die die Einigung des alten Kontinents unumkehrbar machte.

Helmut Kohl war ein Staatsmann. Er war ein Politiker, der für die deutsche Wiedervereinigung und die europäische Einigung gleichzeitig stand. Ein Mann mit großer persönlichen Standfestigkeit, der das für richtig Erkannte auch durchsetzte. Das machte ihn, unabhängig von vielerlei Kritik gerade in Deutschland, zum besonders im Ausland geachteten und geschätzten Politiker von Rang.