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Fußball

Kommentar: Ein Finale, zwei Sieger

Bayern München gewinnt das deutsche Champions-League-Finale gegen Borussia Dortmund – und konnte gar nicht anders. Oder doch? Dieses Endspiel hatte zwei Gewinner, meint DW-Sportredakteur Joscha Weber.

Joscha Weber (Foto: DW)

Sportredakteur Joscha Weber

Man stelle sich nur einmal ganz kurz vor, es wäre anders gekommen: Arjen Robben hätte in der 89. Minute seinen Slalomlauf durch die BVB-Abwehr nicht mit einem Tor beendet. Stattdessen: torlose Verlängerung, Elfmeterschießen, der entscheidende Elfer, Schweinsteiger verschießt, schwarz-gelber Jubel, rote Tristesse. Der psychologische Schaden bei den so selbstbewussten Bayern wäre enorm gewesen, noch größer als bei der Pleite im Finale dahoam vor einem Jahr. Eine Generation großer Bayern-Fußballer hätte nach den verlorenen Finals von 2010 und 2012 bei einer weiteren Niederlage in Wembley – wie Thomas Müller im Vorfeld befürchtete – endgültig den "Loser-Stempel" auf die Stirn bekommen. Übergroß und unabwaschbar.

Eine Bayern-Niederlage? Undenkbar und doch fast Realität

Als Bundesliga-Dominator mit 25 (!) Punkten Vorsprung auf den BVB und einer beeindruckenden Bilanz in der Champions-League-Saison war die Fallhöhe für den FC Bayern München hoch, eigentlich zu hoch, um zu verlieren. Die Folgen einer FCB-Pleite wären auch für den deutschen Fußball erheblich gewesen: Die Nationalelf, seit langem mit einem bayerischen Rückgrat ausgestattet, wäre mit dem großen Zweifel ins WM-Jahr 2014 gegangen, ob sie überhaupt einen großen Titel gewinnen kann. Bundestrainer Joachim Löw dürfte innerlich dann auch aufgeatmet haben, als Robben zur Entscheidung für den FCB traf. Eine Niederlage des FC Bayern war eigentlich undenkbar – und doch durchaus möglich.

Denn Borussia Dortmund brachte die Bayern bis an den Rand des Abgrunds. In der Sturm-und-Drang-Phase zu Beginn des Spiels fehlte nicht viel zur schwarz-gelben Führung, vielleicht ein wenig Kaltschnäuzigkeit, die Mandzukic und Robben später zeigten. Und: Franck Ribéry schlug Robert Lewandowski seinen Ellenbogen durchaus absichtlich ins Gesicht – eine klare Tätlichkeit. Der fällige Platzverweis hätte das Spiel maßgeblich verändert.

Der Reiz des Unerreichten

Die BVB-Anhänger mögen diese und andere Szenen in den kommenden Tagen noch öfters leidenschaftlich diskutieren: Hätte Reus doch getroffen, wäre Hummels doch energischer dazwischengegangen. Alles Konjunktiv, vorbei. Was am Ende stehen bleibt, ist ein Ergebnis, dass die Anzeigetafel im ehrwürdigen Wembley-Stadion nicht anzeigte: Beide Rivalen haben in diesem Finale gewonnen. Der FC Bayern natürlich das Offensichtliche: 8,5 Kilogramm Sterling-Silber in Form einer großen Vase, den Champions-League-Pokal. Und der BVB? Eine Menge internationaler Anerkennung, viel Erfahrung und vor allem: die Erkenntnis der eigenen Stärke.

Franck Ribéry (r.) teilt aus gegen Robert Lewandowski (Foto: Reuters)

Franck Ribéry (r.) teilt aus gegen Robert Lewandowski: Rotwürdig, aber ungeahndet

Dortmund hat in dieser Champions-League-Saison Gewaltiges geleistet, Real Madrid rausgeworfen und darf sich nun zu den ganz Großen des europäischen Fußballs zählen – ein neues Gefühl für die aufstrebenden Kicker aus dem Ruhrgebiet. Vielleicht wäre die Krone in der Königsklasse auch ein wenig zu früh gekommen für die junge und noch nicht ausgereifte Borussen-Elf. Der Reiz des Unerreichten wäre weg für die Dortmunder, deren Trainer Jürgen Klopp immer wieder die "Gier auf Erfolg" zum zentralen Antrieb seines Teams erklärte. Und der Erfolgscoach selbst hätte sich im Falle des Titels die Frage stellen müssen, ob dies nicht der richtige Zeitpunkt gewesen wäre, den BVB Richtung Ausland zu verlassen. So aber geht das nach wie vor spannende Dortmunder Projekt weiter – wenn auch nicht wie bisher.

Lewandowski und der Überfluss an Qualität

Denn einen faden Beigeschmack hatte der tolle Abend für den deutschen Fußball dann doch noch: Der scheidende Bayern-Coach Jupp Heynckes wurde nicht nur mit Lob überschüttet, sondern konnte sich in der Euphorie des Augenblicks den süffisanten Nebensatz nicht verkneifen, dass der Wechsel des BVB-Stürmers Robert Lewandowski "nicht mehr lange auf sich warten" lassen werde. Es ist davon auszugehen, dass Heynckes weiß, wovon er spricht und das bedeutet: München kauft mit Götze und Lewandowski dem Hauptkonkurrenten wieder einmal die besten Spieler weg. Uli Hoeneß' Gerede von drohenden spanischen Verhältnissen in der Bundesliga, also der Dominanz von nur zwei Klubs und dem damit verbundenen Spannungsverlust in der Liga, wirkt da wie blanker Hohn. Während Götze und Lewandowski in Dortmund schmerzlich vermisst werden dürften und kaum zu ersetzen sind, quillt der in der kommenden Saison von Startrainer Pep Guardiola trainierte Bayern-Kader geradezu über vor spielerischer Qualität.

Eins scheint daher sicher: Die Dominanz der Bayern wird weitergehen. Den Loser-Stempel bekommen andere.

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