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Politik

Kommentar: Ein Dialog der Kulturen ist nötiger denn je

Im Karikaturenstreit gibt es auf beiden Seiten gefährliche Tendenzen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit eines offenen und ehrlichen Dialogs zwischen den Kulturen, meint Rainer Sollich in seinem Kommentar.

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Demonstration am Wochenende in London

Rainer Sollich

Die innere Empörung vieler Muslime über die Mohammed-Karikaturen ist echt und ernst zu nehmen. Und trotzdem darf eines nicht übersehen werden: Wenn westliche Einrichtungen gestürmt oder in Brand gesetzt werden, oder wenn mit der Ermordung von Unbeteiligten gedroht wird, bloß weil sie europäischer Herkunft sind, dann hat dies nichts mit dem Islam an sich zu tun, sondern vielmehr mit den Interessen radikaler Ideologen, die den Streit für innenpolitische Zwecke bestens auszunutzen verstehen. Blindwütige Gewalt ist inakzeptabel und kann auch nicht mit einer Beleidigung Gottes oder seines Propheten gerechtfertigt werden. Und sie entspricht auch keineswegs den Interessen der Mehrzahl aller Muslime weltweit.

Mäßigende Stimmen

Dennoch ist vieles an der gegenwärtigen Entwicklung erschreckend. Es ist erschreckend, wie viele Menschen sich insbesondere in arabischen Ländern für gewalttätige Demonstrationen einspannen lassen. Und es ist erschreckend, dass es zunächst kaum mutige Stimmen in der islamischen Welt gab, die sich deutlich gegen Drohungen und Gewalt aussprachen. Rühmliche Ausnahmen sind Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, der syrische Obermufti Scheich Hassun, der von "armseligen Aktionen" sprach, sowie - und das ist gesellschaftspolitisch äußerst wertvoll - zahlreiche muslimische Repräsentanten in europäischen Ländern. Dennoch würde man sich deutlich mehr solcher mäßigender Stimmen wünschen, auch im Nahen Osten. Stattdessen geben auf den Straßen und damit auch in den Fernsehbildern überwiegend geistige Brandstifter den Ton an - und zehntausende politisch Frustrierte, Verblendete und Unverständige ziehen mit.

In der westlichen Welt bietet sich ein anderes, letztlich aber nicht weniger beunruhigendes Bild. Die Neigung zu Differenzierungen ist leider auch hier nicht sonderlich stark ausgeprägt - was dazu führt, dass der Islam immer häufiger pauschal mit Terrorismus und Gewalt gleichgesetzt wird. In Deutschland etwa erscheinen selbst renommierte Zeitungen mit Schlagzeilen wie "Muslime werden immer militanter" - so zu lesen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Jeder Anschlag, jeder politische Mord und jede Entführung festigt dieses Bild weiter. Und dennoch ist es ein falsches Bild: Man geht mit dieser Sichtweise nur denen auf den Leim, die nichts anderes anstreben, als bewusst möglichst viel Feindschaft zwischen westlicher und islamischer Welt zu säen.

Kindlicher Trotz

Leider haben viele europäische Spitzenpolitiker tatsächlich erst durch die heftigen Reaktionen im Nahen Osten begriffen, dass es bei dem Karikaturen-Streit nicht nur um die Grenzen der Pressefreiheit geht. Es geht hier vielmehr um den nötigen Respekt vor den Werten einer anderen Religion. Einer Religion, die schon seit Jahren mehr als jede andere religiöse Weltanschauung immer wieder erfolgreich für politisch extremistische Zwecke instrumentalisiert wird. Dass mehrere europäische - auch deutsche - Zeitungen die Karikaturen demonstrativ nachgedruckt haben, war vielleicht nicht verletzend gemeint. Es wirkte aber wie kindlicher Trotz, der sich hinter dem Pathos der Pressefreiheit versteckt.

In Wirklichkeit war und ist die Pressefreiheit nicht ernsthaft bedroht. Aber es wurden auf empfindliche Weise religiöse Gefühle verletzt, man hat radikalen Ideologen einen billigen Vorwand für Gewalt gegeben und die Gräben des Verständnisses zwischen den Kulturen fast mutwillig weiter vertieft. Zumal festgestellt werden darf, dass einige Karikaturen solcher Art zumindest in Deutschland wegen seiner Nazi-Vergangenheit einen Aufschrei provoziert hätten, wenn dort nicht Muslime, sondern Juden in ähnlich negativer Weise karikiert worden wären. Auf beiden Seiten ist nun Mäßigung und Vernunft gefragt. Was dieser Tage in Gaza, Teheran oder auch Jakarta passiert, zeigt, dass der Dialog der Kulturen ernster genommen werden muss als bisher. Er darf sich nicht auf wohlmeinende Pfarrer und Imame beschränken, sondern muss allumfassend geführt werden - im Alltag ebenso wie auf höchster politischer Ebene. Deutschlands Bundespräsident Horst Köhler betont zu Recht, dass gerade Europa hier einen wichtigen Beitrag leisten muss. Denn in den europäischen Ländern mit ihren wachsenden und oft eher unzureichend integrierten muslimischen Minderheiten könnte langfristig auch der gesellschaftliche Frieden auf dem Spiel stehen.

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