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Welt

Kommentar: Ehe ohne Leidenschaft

Europäer und Amerikaner driften politisch auseinander, ergab eine Umfrage dies- und jenseits des Atlantiks. Überraschend sind diesmal die Ergebnisse aus Russland. Sie machen sogar Hoffnung, findet Christian F. Trippe.

Alle Jahre wieder erkundet der German Marshall Fund of the United States, kurz GMF genannt,

die transatlantische Stimmungslage

. Der GMF ist eine Nichtregierungsorganisation, die sich der Pflege jener politischen Bande zwischen Washington und Europa verschrieben hat, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden waren. Diese Bande sind in den zurückliegenden Jahren arg strapaziert worden.

Der Irak-Krieg 2003, George W. Bushs hemdsärmelige Außenpolitik, der NSA-Abhörskandal und schließlich die Orientierung der Obama-Regierung auf den pazifischen Raum gelten gemeinhin als Marksteine der Entfremdung. Im Jahr des Irak-Krieges begann der GMF mit seinen Umfragen: In zehn EU-Ländern, der Türkei und den USA müssen repräsentativ ausgewählte Bürger seitdem geopolitische Gretchenfragen beantworten. Um es kurz zu machen: Ja, die Partner sind sich ein wenig fremder als im Jahr zuvor. Und nein, das transatlantische Bündnis steht nicht in Frage.

Europa will geführt werden

Denn in der Kernfrage nach der US-Führungsrolle in der Welt zeigt sich eine erstaunliche Konstanz: 56 Prozent der Europäer finden es mehr oder minder "wünschenswert", wenn Washington den Ton vorgibt; 40 Prozent mögen das hingegen nicht. Der Ruf nach "US-Leadership" ist kaum leiser geworden in den vergangenen Jahren. Auch wenn damit noch nichts darüber ausgesagt ist, wie diese Führung im konkreten Fall bewertet wird.

Ganz ähnlich konstant sind die Werte übrigens für die NATO: Rolle und Bedeutung des Bündnisses - und damit implizit ja auch der Führungsmacht USA - werden von zwei Dritteln der befragten Europäer für wichtig gehalten. Nur ein Drittel meint, auf die Militärallianz verzichten zu können.

01.2012 DW Europa aktuell Moderator Christian Trippe

DW-Sonderkorrespondent Christian F. Trippe

Die Deutschen liegen dabei voll im Trend, sie gruppieren sich ganz wie das statistische Mittel hinter NATO und US-Vormacht - mit einer Ausnahme: Zum ersten Mal will eine Mehrheit der Bundesbürger, dass Berlin in internationalen Dingen unabhängiger von den USA agiert; 57 Prozent der Deutschen fordern das, 17 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Diese Befunde passen nicht recht zusammen, sie versprechen deshalb lebhafte Debatten in Deutschland. Im schlimmsten Fall ähneln die Deutschen bald einmal mehr dem sprichwörtlichen Bären, der seinen Pelz gerne gewaschen hätte, aber das Wasser scheut.

Auch Russen wollen Kooperation

Mit einem Bären verglichen zu werden, ist Russland seit alters gewöhnt. Nach 2012 hat der GMF nun zum zweiten Mal auch im Reiche Wladimir Putins die demoskopische Sonde ausgeworfen: Amerika ist dort herzlich unbeliebt, die EU steht nicht allzu hoch im Kurs. Und die Außenpolitik Putins finden die meisten Russen gut. Das war zu erwarten.

Überraschend aber, dass eine Mehrheit der Russen sagt, ihr Land sollte sich in der Syrien- und in der Iran-Politik mit Europäern und Amerikanern abstimmen. Selbst die Beziehungen zwischen der EU und ihren östlichen Nachbarn wollen 43 Prozent der Russen doch lieber im Verbund angehen, nur 36 Prozent plädieren für Alleingänge ihres Landes. Vielleicht ist das Trommelfeuer der Kreml-Propaganda ja inzwischen so laut, dass die Vernunft um ihren Winterschlaf gebracht wird - und sich wieder zu regen beginnt.

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