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Fußball

Kommentar: Doping im Fußball? Und ob!

Dem deutschen Fußball droht der größte Doping-Skandal seiner Geschichte. Und schon greifen alte Reflexe: Kann doch alles nicht wahr sein! Doch, meint DW-Sportredakteur Joscha Weber, denn die Vorwürfe wiegen schwer.

Dopingbelastete Vergangenheit? Der SC Freiburg anno 1982 - mit dem heutigen Bundestrainer Joachim Löw (r.) (Foto: dpa)

Dopingbelastete Vergangenheit? Der SC Freiburg anno 1982 - mit dem heutigen Bundestrainer Joachim Löw (r.)

Jetzt tun wieder alle überrascht: Doping? Im Fußball? Und dann auch noch in unser allerheiligsten Bundesliga? Kann doch nicht sein! Wirklich nicht? Sind

die Doping-Enthüllungen der unabhängigen Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin

tatsächlich nicht zu glauben?

Doch liebe Fußballfans, es ist durchaus plausibel. Doping im Fußball fand (und findet vermutlich immer noch) statt, und das wussten wir schon lange vor den Freiburger Enthüllungen.

DW-Sportredakteur Joscha Weber (Foto: Stefan Nestler/DW)

"Aufarbeitung statt Wegschauen" - DW-Sportredakteur Joscha Weber

Beispiele gefällig? Erwiesenes Epo-Doping bei Juventus Turin in den 90er Jahren. Konkrete Aussagen über systematisches Mannschaftsdoping in der französischen Ligue 1. Ein italienischer Untersuchungsrichter, der 70 "sehr verdächtige" Todesfälle im italienischen Fußball feststellte. Toni Schumachers Enthüllungen über den Gebrauch des Aufputschmittels Captagon. Die (recht schnell wieder verschwundene) Kundenliste des Doping-Arztes Eufemiano Fuentes, auf der offenbar auch der FC Barcelona und Real Madrid standen. Mysteriöse Spritzen, die die deutsche Weltmeister-Elf von 1954 bekam. Und nicht zuletzt: Positive Dopingproben bei Granden wie Pep Guardiola, Edgar Davids oder Diego Maradona. Wer glaubt, Doping gebe es im Fußball nicht, betreibt Augenwischerei.

Früher rannten Fußballer pro Spiel fünf Kilometer - heute sind es bis zu 14

Nationalmannschaftsarzt Tim Meyer sagte einmal, dass "die komplexen leistungsbestimmenden Faktoren der beste Schutz" vor Doping seien. So so. Ich halte dagegen: schnell und ausdauernd laufen zu können, hat noch keinem Fußballer geschadet.

Die Zahlen sind verdächtig: Legte ein Spieler früher rund fünf Kilometer pro Spiel zurück, sind es heute bis zu 14. Die Zahl der Sprints pro Spiel ist ebenso rasant gestiegen. Und die schnellsten Bundesliga-Spieler schaffen in der Spitze beeindruckende 35 Km/h. Alles nur Fortschritte des Fitnesstrainings? Zweifel sind erlaubt. Das Problem lässt sich jedenfalls nicht mehr so einfach abtun mit einem simplen: "Das bringt doch im Fußball ohnehin nichts."

Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (M, Bündnis 90/ Die Grünen), die Vorsitzende der Doping-Komission, Letizia Paoli (r) sowie der Freiburger Universitäts-Rektor Hans-Jochen Schiewer (l) geben am 24.02.2015 in Stuttgart (Baden-Württemberg) eine Pressekonferenz. (Foto: Maximilian Haupt/dpa)

Unangenehme Erkenntnisse? Komissionsleiterin Paoli (r.) ermittelt an der Uniklinik Freiburg

Nun enthüllen 60 Akten zum Wirken des skandalumwitterten Sportmediziners Armin Klümper, dass mindestens in zwei Bundesliga-Vereinen gedopt wurde: in den "späten 1970er und frühen 1980er Jahren" bei Bundesligist VfB Stuttgart, "im größeren Umfang" und "punktuell" auch beim damaligen Zweitligisten SC Freiburg. Der Bericht der unabhängigen Kommission stellt klar, dass "Anabolikadoping in systematischer Weise" im deutschen Profifußball "sicher bewiesen" werden kann.

Deutlicher geht es kaum. Und doch hallen schon Reaktionen wie "Schwachsinn", "nicht nachvollziehbar" oder "liegt mehrere Jahrzehnte zurück" durch die Fußballwelt. Die üblichen Dementis eben. Und viele werden sie leider wieder glauben.

Der Fußball sollte sein Dopingproblem annehmen

Dabei braucht der Fußball nun vor allem eins: den ernstgemeinten Willen zur Aufklärung. Transparenz statt Vertuschung, Aufarbeitung statt Wegschauen. Der Fußball hat ein Dopingproblem. Dies anzuerkennen ist der erste Schritt auf dem Weg zur Wahrheit.

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