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Kultur

Kommentar: Die wahren Helden sind die, die hinterherfahren

Erstmals in der Geschichte der Tour de France ist mit Floyd Landis ein Gesamtsieger als Dopingsünder überführt worden. Auch die so genannte B-Probe war positiv. Stefan Nestler kommentiert.

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Ehrliche Sportler bleiben oft auf der Strecke

Ich bin und bleibe ein Radsport-Fan, trotz Floyd Landis und all den anderen Betrügern. Weil ich noch immer fasziniert bin von der Mischung aus Geschwindigkeit, Technik und Kraft beim Sprint, vom Kampf der Fahrer gegen die Berge und die eigene Müdigkeit, von der Atmosphäre bei einem Rennen wie der Tour de France.

Habt doch Rückgrat!

Kommentar Logo, deutsch

Auch ich bin enttäuscht und wütend. Ich möchte Floyd Landis entgegenschleudern: Wie konntest du nur meine geliebte Tour so besudeln? Warum hast du dich nicht einfach mit deiner sportlichen Niederlage in den Alpen abgefunden? Größe zeigt sich doch auch im Scheitern!

Ich möchte Jan Ullrich zurufen: Warum, zum Teufel, hast du dir nicht unmittelbar nach Auftreten des Dopingverdachts ein Haar ausgerissen und bist zur DNA-Analyse gerannt? Wahrscheinlich hast du doch etwas zu verbergen. Dann habe aber auch das Rückgrat, deine Fehler einzugestehen.

Heuchelei in der Doping-Debatte

Weil ich den Radsport liebe, stößt mir aber auch die Heuchelei in der Dopingdebatte bitter auf. Da gibt es zum einen die ganz Rigorosen aus Politik und Medien, die den Radsport für tot erklären und dem ewigen Schweigen überantworten wollen. Dann müssten sie aber auch andere Sportarten einsargen: etwa nach dem Dopingfall Justin Gatlin den 100-Meter-Sprint der Leichtathleten.

Kaum zu ertragen sind für mich auch jene Politiker, Sportfunktionäre und selbsternannte Experten, die jetzt ein Anti-Doping-Gesetz in Deutschland als Allheilmittel propagieren, ohne zu erläutern, wie dieses Gesetz genau aussehen soll. Sie müssen sich auch fragen lassen, warum entsprechende Initiativen in den vergangenen Jahren aus ihren eigenen Reihen torpediert wurden.

Auch Ärzte und Sponsoren müssen kritisiert werden

Dann sind da die Profi-Mannschaften selbst, die wie selbstverständlich positiv getestete Fahrer nach Ablauf ihrer Sperren wieder unter Vertrag nehmen. Und was ist mit den so genannten Teamärzten? Ständig überwachen sie die Blutwerte ihrer Profis - und zeigen sich dann bei einem Dopingfall vollkommen überrascht und ahnungslos. Auch die Rolle der Sponsoren muss hinterfragt werden: sie investieren Millionensummen in die Teams und sind selbstverständlich gegen Doping. Aber wo sind ihre großzügigen Zuwendungen für die Dopingjäger?

Es wird allerhöchste Zeit, den Radsport-Stall gründlich auszumisten. Eine Herkules-Aufgabe, müssten doch Sportfunktionäre, Teams, Fahrer, Sponsoren, Politiker und auch die Medien dafür an einem Strang ziehen. Aber es gibt keine Alternative. Ohnehin wird bei jeder Soloflucht eines Fahrers in den Bergen à la Landis künftig der Doping-Verdacht mitfahren.

Schade für die Radprofis, die ehrlichen Sport treiben. Vielleicht klingt das für viele Ohren naiv, aber ich will mir die Hoffnung einfach nicht nehmen lassen, dass es sie noch gibt: die wirklichen, die "sauberen" Helden der Landstraße. Und wenn es die sind, die hinterherfahren.

  • Datum 05.08.2006
  • Autorin/Autor Stefan Nestler
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  • Permalink http://p.dw.com/p/8uGM
  • Datum 05.08.2006
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