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Kommentar: Die vernachlässigte Mitte

Die Wutbürger und Wutwähler von rechts suchen sich Parteien, die ihrem Frust ein Programm geben. Sie wählen rechts mit linkem Pathos. Und sie werden die Demokratien noch lange begleiten, meint Alexander Kudascheff.

Die Erosion der Demokratien ist unübersehbar. Fast überall wählen die Bürger plötzlich rechts oder rechtsaußen. Es ist die Mitte, die sich einem Affektradikalismus hingibt. Es sind die Durchschnittsbürger, die sich von den Parteien vernachlässigt fühlen - und "dem System" die Schuld für ihre Wut, ihren Frust geben. Sie lehnen die Parteien ebenso ab wie die Herrschaft der Eliten. Der Wutbürger ist staatsverdrossen - und diese Haltung richtet sich gegen die demokratische Fähigkeit zum Konsens genauso wie gegen den Einwanderer, gegen den Freihandel und gegen die Globalisierung. Der Wutbürger von rechts lebt in seiner Wagenburg. Er will seine Heimat bewahren, sein Vaterland und ist skeptisch bis misstrauisch und manchmal auch mehr gegen Brüssel und die EU. Der Wutbürger begehrt gegen "die da oben" auf - das ist so in Frankreich, England, Polen, Italien, Deutschland, Dänemark und den USA.

DW-Chefredakteur Alexander Kudascheff (Foto: DW)

DW-Chefredakteur Alexander Kudascheff

Sie schließen sich zusammen

Und er sucht sich Parteien, die diesem Frust, dieser Wut ein Programm geben. Sei es der Front National, sei es UKIP, sei es die dänische Volkspartei, sei es die deutsche AfD, seien es Wilders in den Niederlanden oder die flämische Volkspartei in Belgien. Diese Bürger sind Kleinbürger. Sie igeln sich ein. Ihre Werte sind die Werte der guten alten Zeit, die längst vergangen ist. Sie sind nicht kosmopolitisch. Sie sind nicht weltoffen. Sie lehnen - zum großen Teil, Einwanderer und Fremde ab - vor allem wenn sie aus fremden Kulturkreisen kommen - wie den islamisch geprägten Ländern von Afghanistan bis Marokko.

Ihr Programm heißt: Wehret den Fremden, verweigert euch dem Fremden. Und je mehr die etablierten Parteien, die gemäßigten Politiker von halb rechts bis halb links sich gegen die Wutbürger und Wutwähler zusammentun, desto stärker erodiert die Gesellschaft, desto überzeugter schließen sich die Unzufriedenen gegen "die da oben" zusammen. Und der Erfolg schweißt zusammen. Die Mehrheitsgesellschaft ist unsicher und weiß nicht wie sie diesem Affektradikalismus begegnen kann.

Wut schlägt in Hass um

Zusätzlich verroht der Umgangston - im Netz sowieso, aber auch öffentliche Schmähungen und Beleidigungen - wie zum Beispiel von Angela Merkel - sind alltäglich und ohne jedes Niveau. Da scheint inzwischen jeder Anstand und jedes Maß zu fehlen. Je lauter und schriller - desto erfolgreicher, scheint die Maxime. Mit Appellen an Vernunft und Anstand und gute Manieren kommt man da erkennbar nicht mehr weiter. Es gibt Ecken in den demokratischen Wohlstandsgesellschaften, die von der Politik schlicht nicht mehr erreicht werden. Dort hat man sich eingeigelt . Dort wuchern die Verschwörungstheorien, dort schlägt Wut oft in Hass um.

Es ist der Frust der Vernachlässigten, der sich vernachlässigt fühlenden Mitte. Es ist eine Mitte, die die Gesellschaft und den Staat trägt: durch Staatstreue wie durch ihre Steuern. Es ist eine Mitte, die zusehen muss, wie ihre Ersparnisse durch die Null-Zins-Politik der Europäischen Zentralbank verschwindet. Es ist eine Mitte, die sieht, wie die Reichen und die Superreichen - und manchmal auch die Firmen und Unternehmen - keine Steuern zahlen oder sich in Steuerparadiese auf und davon machen.

Es ist eine Mitte, die sieht wie Millionen Jugendliche arbeitslos sind und bleiben - trotz guter Ausbildung. Es ist eine Mitte, die sieht wie Steuermilliarden ausgegeben oder auch verschwendet werden, die für den normalen Alltag nicht da sind. Es ist eine Mitte, die zähneknirschend wahrnimmt, dass Menschen ohne Arbeit sich aushalten lassen. Diese Mitte wählt rechts - mit einem linken Pathos. Und sie freut sich, dass "die da oben" - und dazu zählen auch die Medien - mit moralischen Appellen zur Geschlossenheit reagieren, um sich dann zu verweigern. Der Frust von rechts wird die Demokratien länger begleiten als die Eliten glauben.

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