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Sport

Kommentar: Die verlorene Ehre der Drygalla

Gäbe es bei den Olympischen Spielen einen Wettbewerb in Political Correctness - Deutschland hätte die Goldmedaille verdient, meint Felix Steiner.

Felix Steiner (Foto: DW)

DW-Redakteur Felix Steiner

Meinungsfreiheit ist eines der unverrückbaren Fundamente jeder Demokratie. Mit ihr einher geht die Toleranz. Die Toleranz, auch solche Meinungen zu respektieren, die nicht der eigenen oder der der Mehrheit entsprechen. Aus dieser Toleranz entsteht Freiheit. Die Freiheit, auf die die westlichen Gesellschaften - auch die deutsche - so stolz sind.

Einschränkungen dieser Freiheit müssen gut begründet sein. In Deutschland gibt es eine solche Einschränkung: das Prinzip der "wehrhaften Demokratie". Dieses Prinzip verbietet Toleranz all denen gegenüber, die die freie Gesellschaftsordnung Deutschlands bekämpfen und beseitigen wollen. Eine historische Lehre aus der Art, wie die Nationalsozialisten 1933 an die Macht gekommen sind. Aus diesem Grund dürfen zum Beispiel Radikale - ob von rechts oder links - in Deutschland nicht Beamte werden. Und das ist gut so.

Was hat all das mit den Olympischen Spielen in London zu tun? Vom "Nazi-Skandal im deutschen Olympia-Team" schreibt Deutschlands auflagenstärkste Zeitung seit dem vergangenen Freitag. Verbandsfunktionäre und Politiker unterschiedlicher Couleur melden sich aufgeregt zu Wort, sprechen von "Pannen", fordern "Aufklärung", "Rechenschaft" und diskutieren, wer wann wem "etwas" hätte mitteilen müssen. Und warum das alles? Weil eine 23-jährige Ruderin den falschen Freund hat!

Sippenhaft ist unangebracht

"Sippenhaft" nennt man es, wenn man für Fehler oder Straftaten von Familienmitgliedern und Freunden belangt wird. Ein Wesensmerkmal autoritär regierter Staaten. Hat Deutschland das nötig, um im Jahr 2012 zu beweisen, wie gründlich es mit seiner Vergangenheit gebrochen hat?

Nadja Drygalla hat nach allem, was wir bisher wissen, nichts getan, was zum Skandal taugt: Sie ist kein Mitglied einer extremistischen Partei, war bei keinen rechtsradikalen Demonstrationen, hat keine ausländischen Sportler beschimpft, sich nicht einmal unsportlich verhalten. Allein dies: Sie lebt mit einem Mann zusammen, der in rechtsradikalen Kreisen verkehrt und für die NPD vor einem Jahr für das Landesparlament von Mecklenburg-Vorpommern kandidiert hat.

Das muss man nicht gut finden, und es macht die junge Frau nicht eben sympathisch. Aber sonst? Selbst wenn ihr Freund - wie inzwischen von beiden behauptet - nicht mit rechten Kreisen gebrochen haben sollte: Muss sie deswegen das Olympische Dorf verlassen? Es ist ihr gutes Recht, zusammen zu leben, mit wem sie will. Es wäre sogar ihr gutes Recht, die NPD zu wählen, so lange diese Partei nicht verboten ist und auch zu Wahlen in Deutschland zugelassen ist. Einem Mitglied des deutschen Olympia-Kaders diese Rechte abzusprechen, ist ehrabschneidend und allein eine Folge der auch in Deutschland um sich greifenden Political Correctness. Ein Zeichen von Freiheit, auf die die Deutschen zu Recht so stolz sind, ist es jedoch nicht.

Aufnahme in die Bundeswehr steht auf einem anderen Blatt

Dank und Respekt gebührt daher dem Bundesverteidigungsminister, der am Montag dazu aufgerufen hat, das Privatleben der Sportler zu respektieren. Im Fall Drygalla seien Grenzen unzulässig überschritten worden. Ob Nadja Drygalla indessen die Richtige ist, um im Herbst als Sportsoldatin in die Bundeswehr aufgenommen zu werden, kann Thomas de Maizière als deren oberster Dienstherr unabhängig davon entscheiden. Unter Beachtung der Regeln der wehrhaften Demokratie, die in besonderer Weise auch für Soldaten der Bundeswehr gelten. Und am besten losgelöst von der Aufgeregtheit der vergangenen Tage.

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