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Standpunkt

Kommentar: Die US-Regierung schützt ihre Bürger nicht

Immer wieder kommt es in den USA zu Massakern an unschuldigen Menschen. Mit der Art ihrer Berichterstattung können Journalisten Einfluss nehmen, dass sich hoffentlich bald ändert, meint Michael Knigge.

Wann immer es in den Vereinigten Staaten zu einem Massaker - wie jetzt am Sonntag in der kleinen texanische Gemeinde Sutherland Springs - kommt, ist das gleiche Phänomen zu beobachten: Medien aus allen Teilen der Vereinigten Staaten und aus vielen Ländern der Welt, darunter auch die Deutsche Welle, kommen an den Tatort, um über den Vorfall zu berichten.

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Das führt dann mitunter zu der bizarren Situation, dass es vor Ort mehr Journalisten als Einheimische gibt. Da aber die finanziellen und personellen Ressourcen von Medienhäusern begrenzt sind und ein großer Teil der Zeit und des Budgets der Redaktionen darauf verwendet wird, umfangreich über solche Vorfälle zu berichten, genießen andere Themen entsprechend weniger Aufmerksamkeit.

Auch anderswo gibt es Gewalt

Ähnliche oder auch deutlich schlimmere Ereignisse in Afrika oder Asien werden regelmäßig von den Medien global viel weniger beachtet - zumindest erscheint dies so. Man könnte nun argumentieren, dass dies unfair ist und eine westlich zentrierte Perspektive widerspiegelt, die sich allein auf Zwischenfälle in Europa und den USA konzentriert und diesen eine höhere Bedeutung beimisst.

Gewaltakte und ihre Folgen in Regionen, die nicht so im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen - wie auch die politische und gesellschaftliche Entwicklung dieser Länder im Allgemeinen - verdienen aber eigentlich ein verstärktes Interesse der Medien.

Hieraus jedoch die Schlussfolgerung zu ziehen, nicht mehr über die allzu häufigen Massaker in den USA zu berichten, wäre auch keine Lösung. Die Waffengewalt, die in den Vereinigten Staaten derzeit fast täglich Opfer fordert, muss als Epidemie bezeichnet werden. Im Fokus der Berichterstattung sollten aber nicht nur die unmittelbaren Folgen solcher Taten stehen, sondern vielmehr müssen die weiterreichenden gesellschaftlichen Auswirkungen in den Vordergrund rücken.

Diese Epidemie geht die Menschen auf der ganzen Welt an. Sie provoziert die scheinbar einfache, aber auch scheinbar unlösbare Frage: Warum ist das mächtigste Land der Welt, das Land, das jedes Jahr die meisten Nobelpreisträger hervorbringt und in dem die meisten der führende Unternehmen beheimatet sind, nicht in der Lage, seine Sucht und die Abhängigkeit von Waffen einzudämmen?

Die Debatte beginnt 

Diese Frage geht jedoch in Wirklichkeit viel tiefer, als eine bloße Debatte um Waffengesetze. Schließlich - und in den USA nimmt diese Debatte inzwischen Fahrt auf - geht es nicht mehr allein um exzessive Waffengewalt, sondern um das massive Versäumnis der Regierung, ihre grundlegendste Pflicht zu erfüllen: den Schutz der eigenen Bevölkerung.

Michael Knigge Kommentarbild App

Michael Knigge ist DW-Korrespondent in Washington

Wenn eine Mehrheit der Bürger zu dem Schluss kommt, dass die eigene Regierung diesen elementaren Schutz nicht garantieren kann, ist es nicht nur schwierig, sie wieder vom Gegenteil zu überzeugen. Vielmehr kann in der Gesellschaft auch breites Misstrauen und der Eindruck entstehen, dass die Regierung nicht mehr funktioniert.

Es zeigt sich eine merkwürdige Parallele: Das eklatante Versäumnis der US-Regierung, ihre Bürger zu schützen, teilen die USA in zunehmendem Maße mit  zahlreichen Ländern rund um den Globus, in denen Gewalt und Leid weit verbreitet und über die oft wenig oder gar nicht berichtet wird. Wie kann man diese Parallele nicht erkennen, wenn so häufig wie in den USA in Kinos, bei Konzerten, in Gotteshäusern oder Schulen Massaker mit unzähligen Opfern stattfinden, ohne dass die gewählten Volksvertreter etwas dagegen tun?

Wir Journalisten müssen weiterhin über Massaker und Amokläufe in den Vereinigten Staaten berichten. Aber wir sollten sie weniger als tragische Schauspiele betrachten, bei denen wir uns nur auf die Details der jeweiligen Tat und die Aufzählung der Opfer beschränken. Wir sollten außerdem weniger Zeit damit verbringen, über die möglichen Motive der Mörder zu spekulieren. Diese bleiben nämlich häufig im Ungewissen, besonders dann, wenn die Täter selbst schon tot sind. Der Blick muss sich vielmehr auf das sich stets wiederholende des immer Gleichen richten. Und man muss diese Gemetzel als das darzustellen, was sie sind: ein ständiger Misserfolg der Gesetzgeber, ihre eigenen Wähler zu schützen.

Nichts tun ist eine Entscheidung

Viele Menschen hier in den Vereinigten Staaten und auch anderswo - auch diejenigen, die persönlich von dieser Waffengewalt betroffen waren - haben längst vor dem Zyklus der Gewalt resigniert. Sie sagen, dass dieser Teufelskreis nicht durchbrochen werden kann.

Dieses Gefühl der Mutlosigkeit ist nachvollziehbar, wenn man sieht, wie ein Massaker dem anderen folgt. Aber so muss es ja nicht sein: Denn die meisten Abgeordneten in den Vereinigten Staaten haben ja bisher nie ernsthaft versucht, die Gewalt einzudämmen und zu beenden. Wollten sie das, dann müssten sie dieses Problem ganz einfach zu ihrem wichtigsten politischen Ziel machen, selbst wenn sie dabei Stimmen einbüßen oder letztendlich sogar ihre Parlamentssitze verlieren würden. Aber all das nicht zu tun, also nicht zu handeln, ist auch eine Entscheidung. Und mit der Art ihrer Berichterstattung über die Blutbäder können die Medien diese Entscheidung deutlich machen.

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