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Europa

Kommentar: Die ukrainische Führung bleibt politisch im Abseits

Menschen aus Ost und West sind sich durch die Fußball-EM in Polen und der Ukraine nähergekommen. Die ukrainische Führung aber steht politisch auch nach dem Endspiel weiter im Abseits, meint Bernd Johann.

Johann Bernd DW Expert 2007

Bernd Johann, Leiter der Ukrainischen Redaktion der Deutschen Welle

Die Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine und in Polen ist nun Geschichte. Zum ersten Mal waren zwei osteuropäische Länder Gastgeber eines großen internationalen Fußball-Turniers. Nie zuvor wurde in so kurzer Zeit so intensiv über beide Länder in den internationalen Medien berichtet. Viele Fußballfans aus dem Westen haben wohl zum ersten Mal in ihrem Leben den Osten Europas mit eigenen Augen gesehen. Umgekehrt haben Polen, vor allem aber viele Menschen in der Ukraine vermutlich zum ersten Mal persönlichen Kontakt zu Ausländern aus dem Westen bekommen.

Fußball vereint - wieder einmal

Deshalb war diese EM auch ein Fest der Begegnung und eine Chance für Entdeckungen - mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Zerfall der Sowjetunion und des mit Stacheldraht und Mauern vom Westen abgeschirmten Ostblocks. Gemeinsam haben Menschen aus ganz Europa in Stadien und auf den Fanmeilen der EM-Städte gejubelt und gefeiert, manchmal auch geweint. Ost und West vereint im Fußball-Taumel. Und nach dem Endspiel erlebte Kiew eine spanische Nacht: ein Erlebnis für die Menschen der ukrainischen Hauptstadt, von denen viele noch nie in Westeuropa waren.

Auch für die Ukraine als Land war diese EM ein großes Ereignis. Denn der junge Staat ist 21 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion immer noch in vielen grundlegenden politischen Fragen gespalten. Die EM hat zumindest für kurze Zeit die Ukrainer aus den verschiedenen Regionen des Landes zu einer Nation vereint, auch wenn ihrer Mannschaft größerer Erfolg versagt blieb.

Übertriebene Schreckensbilder

Nicht erfüllt haben sich all die düsteren Prognosen, die in den Medien im Vorfeld der EM aufgestellt wurden. Insbesondere für die Ukraine wurden regelrechte Schreckensbilder gemalt. Im Unterschied zu Polen sah es in der Ukraine tatsächlich lange Zeit nicht so aus, als ob die für das Großereignis erforderliche Infrastruktur wie Stadien, Flughäfen und Hotels rechtzeitig fertig würden. Hinzu kamen weitere Befürchtungen: Gewaltbereite Hooligans könnten das Sportfest stören. Prostitution und Sextourismus würden boomen. Polizisten und andere Sicherheitsorgane, die in der Ukraine nach Berichten von Menschenrechtsorganisationen schnell zum Knüppel greifen, seien eine Gefahr für friedliche Fans.

Doch es kam anders. Beide Länder waren gute Gastgeber. Sie können die Europameisterschaft als Erfolg verbuchen. In Polen zeichnen sich sogar schon wirtschaftliche Perspektiven für die Zeit nach der EM ab. Umfragen zeigen, dass viele Fans auch als Touristen gerne wieder nach Polen fahren würden. Bei der Ukraine ist die Bilanz schwieriger. Die teilweise maßlos überzogenen Hotelpreise haben abgeschreckt. Eine große Zahl von Fußball-Fans kam nur zum Blitzbesuch. Werden diese Menschen wieder kommen? Reiseunternehmer in Europa glauben jedenfalls, dass der Tourismus in der Ukraine von der EM kaum profitieren werde.

Führung in Kiew politisch isoliert

Grund für Skepsis liefert auch die politische Lage. Die Menschen in der Ukraine haben durch ihre Lebensfreude und Gastfreundschaft ganz sicher während dieser EM Freunde gewinnen können. Der politischen Führung in Kiew ist das nicht gelungen. Zu massiv ist die Kritik an den gravierenden demokratischen und rechtsstaatlichen Missständen in der Ukraine. Der Glanz der Abschlussfeier beim Endspiel in Kiew kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich das Land unter Präsident Viktor Janukowitsch politisch von Europa entfernt hat. Es hat sich regelrecht isoliert. Mit dem östlichen Nachbarn Russland gab es bei einem Regierungstreffen in Donezk kürzlich wieder einmal keine Einigung im Dauerstreit um Energiepreise. Auch das Verhältnis zum westlichen Nachbarn und EM-Partnerland Polen ist schlechter geworden.

Praktisch auf Eis liegen auch die Beziehungen zur Europäischen Union. Der von Deutschland angeregte Politiker-Boykott der EM war sichtbar. Nur wenige der führenden europäischen Politiker kamen zur EM in die Ukraine. Niemand will gerne Janukowitsch treffen, solange Oppositionsführerin Julia Timoschenko und andere Politiker der früheren Regierung im Gefängnis sitzen. Das ist ein zunehmendes Imageproblem für das Land. Auch eine ebenso sportlich wie organisatorisch gelungene EM kann das nicht überdecken. Die politische Führung der Ukraine steht im Abseits, auch nach dem Schlusspfiff von Kiew.