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Kommentar: Die spielen doch nur mit Kindern

Nach den Piloten und noch während des Lokführerstreiks gehen jetzt auch die Erzieher in den Arbeitskampf. Zu recht! Denn das Liebste, was wir haben, sollte uns etwas wert sein, findet Volker Wagener.

Deutschland entdeckt die Lust am Arbeitskampf. War schon der Pilotenstreik ein Anschlag auf unsere uneingeschränkte Bewegungsfreiheit, so gilt das erst recht für die Arbeitsverweigerung beim traditionsreichsten Massenbeförderungsmittel, der Bahn. Beide Berufssparten - Piloten und Lokführer - sind klein, aber systemrelevant. Also wichtig. Mit dem Ausstand der Erzieher kommt nun ein Arbeitskampf hinzu, der zwar keine Milliardenschäden verursacht wie in der Transportbranche, dafür aber eine Grundsatzfrage aufwirft: Was ist uns die Betreuung und Förderung unserer Kinder wert?

"Aufwerten jetzt!"

Klar ist: Aufgeregtheiten wie beim Bahnstreik werden wir bei dem unbefristeten Arbeitskampf der Erzieher an den Kindertagesstätten nicht erleben. Es sei denn auf Seiten der Eltern, die nun massiv in der Bredouille stecken: Wohin mit dem Kind, wenn der Chef ruft? Doch die Väter und Mütter zeigen sich ziemlich solidarisch mit den Forderungen derer, die die Julias, Justins und Jeanettes (be)hüten. Die Erzieher wollen nicht einfach nur mehr Geld, nein, sie wollen bezahlt werden wie Grundschullehrer. Also eine Anerkennung für ihre hochwertige Arbeit. Das kostet im Schnitt rund zehn Prozent mehr. "Aufwerten jetzt!" heißt denn auch konsequenterweise das Motto der 240.000 Kindergärtnerinnen, wie sie früher einmal genannt wurden. Betroffen sind auch Betreuer in Ganztagsschulen, Jugendzentren, Kinderheimen, kurz: Arbeitnehmer im Umgang mit dem viel gepriesenen "Humankapital" unserer Gesellschaft. Was ja klingt, als gäbe es nirgendwo sonst auf dem Arbeitsmarkt mehr Ruhm und Ehre zu verdienen.

Nicht in der Lage, eine Familie zu ernähren

Die Realität sieht anders aus. Wer anderer Leute Kinder betreut, ist nicht nur im Sozialprestige-Ranking ziemlich tief angesiedelt. Auch die Bezahlung passt nicht zur Verantwortung und Belastung. Als Alleinverdiener lässt sich davon zumindest in den teuren Städten keine Miete zahlen. Der Job mit den Kindern gehört in die Sparte "Familien-Hinzuverdienst". Also was für sie, nicht ihn (zu 90 Prozent üben Frauen den Beruf aus). Eine unglaubliche Abwertung, aus der die Betroffenen raus wollen. In kaum einem anderen Beruf macht sich der gesundheitliche und nervliche Verschleiß so früh bemerkbar wie beim Streitschlichten im Sandkasten.

Volker Wagener - Foto: DW

DW-Redakteur Volker Wagener

Ganz zu schweigen vom Lärmpegel, der manchmal 117 Dezibel erreichen kann, ganz so, als starte ein Düsenjet in 100 Meter Entfernung. Erzieher in Kindertagesstätten haben oft noch nicht einmal einen eigenen Stuhl. Sie quetschen sich auf Zwergenbänke und leiden deshalb besonders häufig an Rückenschäden. Als die Kinderkrippen gesetzlich ins Leben gerufen wurden, gab es lange Zeit kaum Wickeltische. Das musste dann auf allen Vieren auf dem Boden erledigt werden. Unfassbar, wie billig wir uns Kinderbetreuung und Erziehung machen! Ganz zu schweigen davon, dass die Kindergruppen viel zu groß, das Personal zu knapp und die Anforderungen maßlos sind. Ganz offensichtlich ist uns Betreuung und Bildung unserer Kinder nur in Sonntagsreden etwas wert, wenn von "Investitionen in die Zukunft" die Rede ist. Hauptsache es kostet nicht viel.

Verwahrung statt frühkindliche Förderung

Ähnlich wie in den alljährlichen Pisa-Studien ist der Musterstaat Deutschland auch im Umgang mit seinen Kleinkindern bestenfalls Mittelmaß. In Finnland investiert der Staat rund ein Drittel mehr in Bildung, dort werden die Knirpse gefördert und nicht nur beaufsichtigt. Was den Betreuern hierzulande nicht vorzuwerfen ist. Seit Jahren werden sie überfrachtet mit zusätzlichen Anforderungen wie beispielsweise Erstellen von Entwicklungsplänen für jedes einzelne Kind. Stets nach dem Motto: Die Bürokratie muss stimmen, für den Rest bitte Geduld!

Der Streik der natürlichen Verbündeten aller Väter und Mütter verdient die Solidarität aller. Der alte deutsche Auto-Fetischismus, der sich in dem Bonmot manifestiert: "Würden Sie von dem einen Gebrauchtwagen kaufen?", sollte neu angewandt werden. Etwa so:"Würden Sie dieser frustrierten und nervlich angeschlagenen Erzieherin Ihr Kind anvertrauen?"

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