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Standpunkt

Kommentar: Die Spanier haben ein Kommunikationsproblem

Spaniens fehlende Streitkultur macht eine Lösung in Katalonien schwierig, meint Stefanie Claudia Müller. Die Katalonien-Krise ist viel mehr als nur ein Staatsproblem. Denn beide Seiten reden nicht miteinander.

Der bereits verstorbene Wulf Bernotat, der ehemalige Vorstandsvorsitzende des deutschen Energieunternehmens Eon, erlebte die teilweise verwirrende Kommunikation der Spanier am eigenen Leib. Das Doppelspiel im privaten wie beruflichen Leben ist für Viele an der Tagesordnung und absolut nicht "strafbar". "Du sollst nicht lügen", ist kein fester Bestandteil der Kindererziehung. Und "scheinheilig" zu sein, ist nicht wirklich schlimm in Spanien. 

Bernotat kam 2006 nach Spanien und wollte sich den Wettbewerber Endesa einverleiben, der schon ein Angebot von dem katalanischen Unternehmen Gas Natural auf dem Tisch liegen hatte. Bei den Verhandlungen mit Endesa legte der Deutsche die Karten ganz offen auf den Tisch. Aber auf der anderen Seite wurde gepokert, teilweise bewusst, teilweise wurde aber auch auf Zeit gespielt, weil man einfach keinen Plan hatte, bzw. keine Entscheidung treffen wollte. Bernotat gab nach einer sehr zähen Schlacht, bei der plötzlich noch andere Spieler auftauchten, auf. Einer der Hauptgründe: Er verstand die Spanier einfach nicht. 

Die Katalonienkrise und das Defizit des spanischen Politbetriebs: Es fehlt an Streitkultur

Aber das geht nicht nur den Ausländern so, auch die Spanier untereinander verstehen sich oft nicht. Was man sagt und was man wirklich meint, ist oft was ganz anderes. Wie ineffizient diese Art von Kommunikation sein kann, zeigt sich gerade in der Katalonien-Krise, die seit gestern eindeutig surreale Züge angenommen hat. Der katalanische Regierungschef Carles Puigdemont verkündete im Regionalparlament in Barcelona die Unabhängigkeit Kataloniens, um sie gleich wieder zu suspendieren.

Stefanie Müller Kommentarbild (Stefanie Müller)

DW-Autorin Stefanie Claudia Müller

Madrid reagierte auf seine verwirrende Rede mit einer Ansprache des Premiers, die ebenfalls undurchsichtiger nicht hätte sein können. Auch Rajoys Rede im Parlament, sein erster Auftritt nach dem 1. Oktober, dem verfassungsfeindlichen Referendum der Katalanen, lässt viele Fragen offen.

Rajoy unterstreicht immer wieder nur eins: Das Referendum war illegal, wir haben alles richtig gemacht, und es wird keine Unabhängigkeit geben. Einige spanische Medien interpretieren ihren Premier so: "Der Artikel der spanischen Verfassung, der Artikel 155, der eine Aussetzung der Autonomie in seiner vollen Anwendung vorsieht, wird aktiviert, aber erst einmal nicht komplett angewandt." Andere glauben, dass Rajoy erstmal darauf wartet, was die andere Seite antwortet. Denn der spanische Premier lässt von seinem Amtssitz wissen: "Puigdemont muss erst einmal erklären, ob er die Unabhängigkeit erklärt hat oder nicht." Danach sehe man weiter.

Fehlende Transparenz und Direktheit sorgen für Unsicherheit in der Wirtschaft

Der Mangel an Direktheit und Transparenz in der spanischen Kultur, aber auch die fehlende Selbstverantwortung und Kritikfähigkeit, welche nicht elementarer Bestandteil der allgemeinen Erziehung ist, führt dazu, dass auch Politiker nicht fähig sind, sachlich zu streiten. Wegschauen ist der übliche Weg.

Im Katalonien-Konflikt führt dies zu einer allgemeinen Unsicherheit, die vor allem die Wirtschaft zu einer großen Flucht aus der Region und in einigen Fällen auch aus dem Land getrieben hat. Nach zahlreichen regionalen Konzernen, Firmen und Banken hat heute auch das französische Versicherungsunternehmen Axa seinen Umzug nach Bilbao angekündigt. Aus Kreisen der katalanischen Kreditinstitute Caixabank und Sabadell, die ihren Firmensitz bereits verlegt haben, ist zu hören, dass eine Kapitalflucht im vollen Gange sei. Der Boykott katalanischer Produkte ebenfalls. 

Zum Dialog gezwungen- kann das funktionieren?

Jahrelang schaute der Galizier Mariano Rajoy lieber weg, als sich der Himmel in Katalonien zuzog. Jetzt ist es fast zu spät zum Dialog, aber Rajoy muss ihn suchen, will er sich nicht sein eigenes politisches Grab schaufeln. Die Opposition im Parlament fordert das von ihm, aber auch die internationale Staatengemeinschaft, welche die Bilder des Polizeieinsatzes am 1.Oktober in Barcelona gesehen haben.

Rajoy weiss, dass er nicht mehr den galizischen Weg gehen kann, wie er das bisher gemacht hat - den Galiziern hängt der Ruf nach, dass sie sich nicht entscheiden können. Der spanische Premier muss raus aus seinem Schützengraben zum "dar cara", was im Spanischen so viel heißt wie: "Gesicht zeigen". Es reicht nicht, nur den Kopf kurz herauszuheben, wie er das heute gemacht hat. Er muss sich selber frontal mit den Konflikten in seinem Land auseinandersetzen und sich nicht, wie er das bisher gemacht hat, feige hinter der spanischen Verfassung verstecken. Jetzt muss er diese Verfassung reformieren, will er in der Regierung bleiben.   

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