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Amerika

Kommentar: Die Revolution frisst ihre Väter

Gefechte mit der Polizei in Rios Armenvierteln, Tote vor dem Fußball-Fest: Die WM verwandelt das von sozialen Gegensätzen gekennzeichnete Land in ein politisches Pulverfass, meint Astrid Prange.

Die Erfolgsgeschichte ist zu schön, um wahr zu sein. Als im Dezember 2008 Polizisten und Soldaten das erste Armenviertel in Rio de Janeiro besetzten, fiel nicht ein einziger Schuss. Mittlerweile sind knapp 40 der rund 300 Favelas am Zuckerhut "befriedet". Drogenhändler mussten abziehen und sich nach neuen Umschlagplätzen umsehen.

Doch nur 50 Tage vor Anpfiff der WM scheint das Wunder von Rio an der Wirklichkeit zu zerbrechen. Wie ein Brandbeschleuniger verstärkt das Fußballturnier die seit langem schwelenden Konflikte innerhalb der brasilianischen Gesellschaft. Die jüngsten Straßenschlachten an der Copacabana zeigen eindrücklich, dass in Brasilien die Zeiten vorbei sind, in denen soziale Fragen schlicht mit Polizeigewalt "gelöst" wurden.

Enttäuschte Hoffnungen

Dabei entbehrt es nicht einer gewissen Tragik, dass ausgerechnet die Regierung der brasilianischen Arbeiterpartei PT den Zorn des Volkes zu spüren bekommt. Ihre Sozialprogramme befreiten zwar in den vergangenen zehn Jahren Millionen von Menschen aus der Armut. Doch mit dem sozialen Aufstieg ging auch eine große Desillusion einher: Viele Brasilianer mussten erfahren, dass wachsendes Einkommen nicht automatisch mit mehr Bürgerrechten einhergeht. Die von der PT ausgerufene Revolution der sozialen Gerechtigkeit richtet sich paradoxerweise gegen die eigenen Väter.

Die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist enorm. Auch wenn mittlerweile Luxushotels in ausgesuchten Favelas mit Meeresblick eröffnet werden, ist der Gegensatz zwischen vernachlässigten Armenvierteln und priviligierten Stadtteilen, der die Stadt seit Jahrhunderten prägt, nicht überwunden. Favela-Bewohner müssen sich imer noch mit schlechteren Schulen und Jobs und mit einer mangelnden Gesundheitsversorgung zufrieden geben. Die Fortschritte bleiben vielfach hinter den Erwartungen zurück.

Foltern im Namen des Friedens

Mehr noch: Wer in der Favela wohnt, gilt nach wie vor als potenzieller Drogenhändler oder Straßenräuber. Jüngstes Opfer dieser gnadenlosen Vorurteile war der Bauarbeiter Amarildo de Souza, der im vergangenen Jahr "aus Versehen" von der Polizei in dem Armenviertel "Rocinha" in Rio festgenommen wurde, weil die Ordnungshüter ihn für einen Drogenhändler hielten. Monate später gestanden einige der Polizisten der Staatsanwaltschaft, dass der Bauarbeiter "Friedenspolizei" zu Tode gefoltert worden war.

Der Folterskandal in der "Rocinha" begrub die Hoffnung auf eine neue, friedliche Bürgerpolizei endgültig. Die anfängliche Sehnsucht von Favela-Bewohnern, von der Polizei endlich mit Respekt behandelt zu werden, schlug um in generelle Ablehnung gegenüber dem neuen Sicherheitskonzept der Friedenspolizei. Es machte sich die bittere Erkenntnis breit, dass Folter auch knapp 30 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur (1969 bis 1985) noch zum Instrumentarium der brasilianischen Polizei gehört.

Noch ist nicht klar, ob der am Dienstag (22.04.2014) in der Favela "Pavao-Pavaozinho" tot aufgefundene Tänzer Douglas Rafael da Silva Pereira erneut ein Opfer dieser willkürlichen Polizeigewalt wurde. Doch das Misstrauen, dass sich die tragischen Ereignisse vom Juli 2013 wiederholen, sitzt tief. Die Jagd auf vermeintliche Drogenhändler kann täglich neue, unschuldige Opfer wie Amarildo de Souza fordern. Die brasilianische Erfolgsgeschichte der Friedenspolizei braucht ein Wunder, um wahr zu werden.

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