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Welt

Kommentar: Die reaktionären amerikanischen Einfach-Denker

Aus bestimmten Kreisen der politischen Klasse der USA schlägt Deutschland Misstrauen entgegen: unserem Land an sich und Angela Merkel als Person. Das ist unangebracht und hat ganz andere Ursachen, meint Miodrag Soric.

Die Deutschen können es nicht. Sie haben es in den vergangenen Jahrzehnten noch nie gekonnt. Sie haben nicht das Personal dafür. Ihnen fehlt die Erfahrung, das Können und der militärische Apparat, um auf der diplomatischen Weltbühne ernst genommen zu werden. Und wenn es Angela Merkel jetzt dennoch versucht, grenzt das an Hybris. So - oder so ähnlich - kommentieren viele in Washington das Bemühen der Kanzlerin, zwei Krisen gleichzeitig zu meistern: die drohende Staatspleite in Griechenland und die Befriedung der Ostukraine.

Die Häme und das Misstrauen gegenüber Deutschland befremdet umso mehr, als Amerika in Europa keinen treueren Verbündeten hat. Zudem ermunterte einst der frühere Präsident George Bush (senior) die Deutschen, bei der Lösung außenpolitischer Probleme in Europa die Führung zu übernehmen. Und nun, nach einem Vierteljahrhundert, übernimmt Berlin endlich mehr Verantwortung - schon hagelt es Kritik aus Washington.

Misstrauen oder heimliche Bewunderung?

Die Anfeindungen kommen vor allem von Amerikas Interventionisten. Es scheint hierfür mehrere Gründe zu geben: Vor allem im Konflikt mit Moskau ist es für die Amerikaner ungewohnt, dass Berlin die Federführung übernommen hat und nicht Washington. Doch die Kanzlerin spricht sich eng mit ihren europäischen und amerikanischen Verbündeten ab. Erst dann handelt sie. So ist es dem autoritären Kremlchef bisher nicht gelungen, einen Keil in das westliche Bündnis zu treiben.

Miodrag Soric

Miodrag Soric leitet das DW-Studio in Washington

Genau das befürchten jedoch einige Kalte Krieger in Washington: Deutschland könne sich aus dem westlichen Bündnis lösen, langfristig gar eine Partnerschaft mit Russland eingehen. Rapallo lässt grüßen. Diese Übereinkunft zwischen dem dem damaligen Deutschen Reich und dem revolutionären Sowjetrussland - aus der Not nach dem Ersten Weltkrieg geboren - liegt jetzt fast ein Jahrhundert zurück. Und nichts in der heutigen Politik Deutschland zeigt Parallelen zum damaligen Vertrag: Es gibt keine Modernisierungspartnerschaft mit Moskau, so die Kanzlerin, solange Russland die Separatisten in der Ostukraine unterstützt!

Vielleicht hat das Misstrauen gegenüber Angela Merkel auch einen ganz anderen Hintergrund: Neid, weil sie mit Putin reden kann und Präsident Obama offenbar nicht. Oder heimliche Bewunderung, weil Frau Merkel nicht voreilig "rote Linien" zieht, und sie dann wieder ausradiert, sobald es opportun scheint. Die Amerikaner haben da mehr Übung. In Syrien zum Beispiel drohte Obama militärische Maßnahmen an, sollten Assads Truppen Chemiewaffen gegen die Aufständischen einsetzen; als später tatsächlich Chemiewaffen eingesetzt wurden, verzichtete Obama trotzdem auf Konsequenzen.

Merkel steht für europäische Lösungen

Tatsächlich ist der Politikstil der Kanzlerin - aus amerikanischer Sicht wohlgemerkt! - gewöhnungsbedürftig. Angela Merkel muss sich zuerst innerhalb der EU absprechen, bevor sie handeln kann - ob nun in der Ukraine oder gegenüber Griechenland. Das dauert manchmal Tage oder Wochen. In jedem Fall dauert es Washington zu lange.

Amerika liebt einfache Lösungen. Frau Merkel misstraut ihnen. Beispiel Griechenland: Sie ist dagegen, Athen Schulden bedingungslos zu erlassen, weil andere Staaten das dann ebenfalls einfordern würden. Die Bundeskanzlerin weigert sich auch, den Ukrainern Waffen zu liefern; sie weiß, dies würde das Leid der Menschen in der Ostukraine nur vergrößern. Und Putin würde dann im Gegenzug noch tiefer in den Waffenschrank greifen.

Bevor die Amerikaner die deutsche Kanzlerin allzu sehr kritisieren, sollten sie die Ergebnisse ihrer eigenen Außenpolitik betrachten: In Afghanistan, im Irak oder in Libyen gewinnen die USA zwar ihre Schlachten, verlieren am Ende aber den Krieg. Es gibt keine Garantie dafür, dass Angela Merkel in Griechenland oder in der Ukraine Erfolg haben wird. Doch es liegt im amerikanischen Interesse, sie zu unterstützen. Die Häme der Ewiggestrigen in Washington hat sie jedenfalls nicht verdient.