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Kommentar: Die Oscars und das Ende der Gewissheiten

Zu leicht, zu verträumt? Favorit "La La Land" verpasst den Oscar für den besten Film. Stattdessen gewinnt mit "Moonlight" erstmalig eine schwul-lesbische Geschichte. Hollywood ist in Bewegung, meint Rainer Traube.

Eigentlich hätten wir es ahnen können: Wir stehen auf, und die Welt ist eine andere als beim Schlafengehen. Erst verpassen die Briten Europa eine Ohrfeige. Dann scheitert Hillary krachend beim Duell ums Weiße Haus. Und jetzt wird "La La Land" doch nicht Film des Jahres. Genauer gesagt: Er ist es nur ein paar Sekunden lang - bis die peinliche Panne offenbar wird und die fassungslose "Moonlight"-Crew die Trophäe übernimmt. 

Das Ende des Zeitalters der Gewissheiten hat auch Hollywood erreicht. Wir reiben uns die Augen. Das romantische Musical über zwei Träumer in der Traumfabrik, brillant besetzt und inszeniert, war in jeder Hinsicht der perfekte Oscar-Kandidat. Vielleicht zu perfekt. Vielleicht war es aber auch nur der falsche historische Moment für einen großartigen Film. Zu perfekt und zu leicht in einer Zeit, die nicht nur in den USA von vielen als schicksalhaft empfunden wird. Meryl Streep hat zu Jahresbeginn in ihrer Golden Globe-Rede den Ton gesetzt, als sie, ohne Trump namentlich zu nennen, zu Respekt und Menschlichkeit ermutigte. Trump reagierte beleidigt und warf Streep ein herablassendes "überschätzte Schauspielerin" hinterher. Die Filmwelt aber stellte sich geschlossen hinter sie. Außerdem lag ja noch der Schatten der erbitterten #OscarsSoWhite-Debatte über Los Angeles. Und die Frage: Wie rassistisch ist die Filmindustrie?

Hollywood ist in Bewegung

Traube Rainer (Foto: DW)

DW-Kulturredakteur Rainer Traube

Doch auch der Umkehrschluss gilt nicht, es gibt keine simple Kausalität. "Moonlight" gewann den Oscar nicht einfach deshalb, weil die Jury Trump eins auswischen oder den Rassismus-Verdacht loswerden wollte. "Moonlight" ist ein grandioses Kinodrama über den Lebenskampf eines jungen Mannes: Er ist schwarz, arm und schwul - viel schlechter könnten die Startbedingungen für einen jungen Amerikaner heute kaum sein. Mit "Moonlight" macht nun zum ersten Mal in Hollywood ein Film mit einer schwul-lesbischen Geschichte das Rennen. Ang Lees Cowboy-Drama "Brokeback Mountain" verpasste 2006 die Chance trotz Favoritenrolle und ging in der entscheidenden Kategorie leer aus.

Also doch eine politische Entscheidung? Immerhin: Nie war das afro-amerikanische Kino präsenter. "Moonlight"-Darsteller Mahershala Ali ist zudem auch der erste Muslim, der einen Schauspieler-Oscar bekommt - was in US-Medien durchaus betont wird. Und beim fremdsprachigen Oscar schlägt der subtil-politische Film "The Salesman" aus dem Iran die schwarze Komödie "Toni Erdmann" aus Deutschland. Keiner dieser Preise wurde gezielt vergeben, um eine "Botschaft" zu senden. Aber alle Einzelentscheidungen zusammen ergeben das Bild eines Hollywoods, das in Bewegung geraten ist. Die Oscar-Welt von 2017 ist eine andere als im Vorjahr. Sie ist näher an der Wirklichkeit.

"La La Land" ist nicht der Film des Augenblicks. "Moonlight" ist es.

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