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Deutschland

Kommentar: Die Multikulti-Union

Die CDU will bunter werden. Ein paar Muslime mehr in den eigenen Reihen sollen die Union weltoffener und toleranter machen. Ein Revolutiönchen und eine ordentliche Portion Eigennutz, findet Volker Wagener.

Die deutsche Integrationsdebatte ist schrecklich ermüdend. Sie ist so vorhersehbar in ihren Wortmeldungen, meistens so politisch korrekt in ihrer Stoßrichtung und deshalb so verlogen. Da wird eine "Willkommenskultur" gepredigt, eine "bunte Gesellschaft" gepriesen und "Vielfalt" gefordert. Alles schön, alles richtig. Aber jetzt will die CDU Schluss machen mit den Schönwetterreden über Integration.

CDU als Trendsetter in der Einwanderungspolitik?

Eine moderne Einwanderungspolitik soll die Integrationsdebatten ersetzen. Das ist - gemessen am alten Selbstverständnis der Konservativen - geradezu eine politische Schubumkehr. Nachdem die Grünen einen Vorsitzenden Özdemir und die Sozialdemokraten eine Generalsekretärin Fahimi haben, will nun auch die Union aufschließen. Multikulti ist ab sofort keine Zumutung mehr aus dem rot-grünen Milieu. Auch die CDU gibt sich jetzt bunt. Eine Kulturrevolution ist das, zumindest eine kleine.

Deutsche Welle Volker Wagener Deutschland Chefredaktion REGIONEN

DW-Redakteur Volker Wagener

Es ist gerade vier Jahre her, da unternahm schon einmal ein führender Unionspolitiker den Versuch, die Deutschen auf Realitäten aufmerksam zu machen. "Der Islam gehört zu Deutschland", hatte der damalige Bundespräsident Christian Wulff ohne Wenn und Aber festgestellt - und das zum Jahrestag der Deutschen Einheit. Aber: In keiner Partei stieß das auf mehr Widerstand als in der Union. Doch der Satz hat längst sein Provokatives verloren. Inzwischen kann Merkel aus der sicheren Erkenntnis heraus, dass der Islam ein Teil gelebten Alltags in Deutschland ist, darauf aufbauen und die ewige Migrationsdebatte konkretisieren.

Die Wirtschaft braucht qualifizierte Migranten

Die CDU hat längst verstanden, dass die selbst praktizierte Defensive in der Einwanderungspolitik von vorgestern ist. Waren Migranten schon in der alten Bundesrepublik eine wirtschaftliche Notwendigkeit, sind sie es inzwischen allein aus demografischen Gründen. Gewiss, es gibt noch immer Vorbehalte in Industrie und Mittelstand gegenüber nicht-deutschen Namen bei Bewerbungen, doch keine Branche kann es sich im globalisierten Konkurrenzkampf leisten, nach Herkunft zu entscheiden. Es geht um Fakten: gute Deutschkenntnisse, Kompetenz in Naturwissenschaften und praktisches IT-Wissen. Es ist die Integration der Kompetenten, die die Union anstrebt.

Gemessen daran hat die aktuelle Willkommenskultur immer noch etwas Dekoratives. Der türkischstämmige Betriebswirt, dessen Familie in der dritten Generation in Deutschland lebt, wird immer noch eher zum Integrationsbeauftragten in einem Konzern, als Finanzvorstand. Jahrelang war das für die Betroffenen alternativlos - mittlerweile finden die Deutsch-Türken in Istanbul und Ankara qualifizierte Stellen. Wir brauchen sie aber hier!

Bis 2050 braucht Deutschland deutlich mehr Fachkräfte, um den Bevölkerungsverlust aufzufangen. Ohne die gut ausgebildeten Migranten ist das gar nicht zu schaffen. Die Union zeigt sich alarmiert und versucht offensichtlich eine bessere Integration zu moderieren. Und das ist auch notwendig, denn es sind die Aufsteiger aus der Mittelschicht, die um ihren Status fürchten.

Wie uneigennützig, Frau Merkel!

So richtig Merkels Einwanderungs-Impuls ist, so eigennützig ist er auch. Die Union tut sich schwer mit den Zugewanderten. Selbstgefällig betrachtete man sie lange Zeit als Gäste, was unausgesprochen immer auch eine zeitliche Begrenzung mitklingen ließ. "Gesellschaftliche Vielfalt" und ähnliche an das Vokabular von Sonntagspredigten erinnernde Begriffe waren Politikelemente links von der Union. Merkels CDU ist verglichen mit SPD und Grünen nur mäßig attraktiv für Migranten. Das ist auch eine Gefahr für die politische Mehrheitsfähigkeit in einem Land, in dem inzwischen jeder fünfte Einwohner ausländische Wurzeln hat. Deswegen muss sich nicht nur Deutschland, sondern speziell auch die Union als große Volkspartei ändern und öffnen. Ein Aufschlag ist gemacht.

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