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Kommentar: Die Münchner Vorführung

Beim CSU-Parteitag führt Horst Seehofer Kanzlerin Merkel wie ein Schulmädchen vor. Die Anti-Merkel-Strategie des bayerischen Ministerpräsidenten könnte sich langfristig gegen ihn selbst richten, meint Christoph Strack.

Am Sonntag ist Angela Merkel zehn Jahre im Amt der deutschen Bundeskanzlerin. Zehn Jahre mit vielen Krisenzeiten. Ihr Unionsfreund und Mitstreiter Horst Seehofer sorgte dafür, dass sie trotz aller Lobreden und Würdigungen zum Amtsjubiläum die Härten und die Kälte des politischen Geschäfts nicht vergisst.

Die Kanzlerin und der bayerische Ministerpräsident - seit vielen Wochen streiten sie um die Schließung der deutschen Grenzen und den unkontrollierten Zuzug von Flüchtlingen. Ein Krisen-Wochenende im Kanzleramt vor drei Wochen, an dem mal Vize-Kanzler Sigmar Gabriel (SPD), mal als Therapeuten die Unionsfraktions-Spitzen Volker Kauder (CDU) und Gerda Hasselfeldt teilnahmen, brachte eine kleine Verständigung unter den Koalitionspartnern, aber keine Eintracht innerhalb der Union. Bei der Frage einer konkreten "Obergrenze" der Flüchtlingszahlen sagte Seehofer "ja unbedingt", Merkel blieb beim "nein".

In der Höhle des Löwen

Nach drei Stunden Vorglühen, bei denen strikte Gegner weiterer Zuwanderung den größten Beifall einfuhren, kam Bundeskanzlerin Merkel. Schon ein Detail ihrer 21-minütigen, selten von höflichem Beifall unterbrochenen Rede zeigt, dass die Kanzlerin versuchte, in der Münchener Messe verbal zu punkten. Man könne auch, sagte sie, Abschiebungen "mit freundlichem Gesicht" vollziehen. Aber Merkel sprach nur von einer Reduzierung, nicht von einer konkreten "Obergrenze". Und das in der Höhle des Löwen Horst!

Strack Christoph Kommentarbild App

Christoph Strack aus der DW-Politikredaktion



Seehofer saß während Merkels Rede im Saal beim Parteivolk. Als er ans Rednerpult trat, ließ er, groß gewachsener Oberlehrer, die Kanzlerin wie eine Schülerin neben sich stehen. Fast 15 Minuten lang. Auch die bewährte Raute verlor da mal den Halt. Sie habe Großes geleistet für Deutschland und Europa, sagte Seehofer. Nur um dann klar zu machen: Merkel habe ihm zu folgen. "Damit die Standpunkte klar sind: Integration gelingt nicht auf Dauer, wenn wir nicht zu einer Obergrenze für die Zuwanderung kommen," sagte Seehofer und fuhr fort: "Wir sehen uns zu diesem Thema wieder...." "Es geht nicht ohne Begrenzung."

Beklemmende Stille

Die Halle klatschte dann laut und gerne, und Merkel stand schweigend neben dem großen Mann. Seehofer, der sich auf dem Parteitag auch Wortscharmützel mit dem selbsternannten Kronprinzen Markus Söder - er kann immerhin schon längst brüllen wie ein richtiger Löwe - lieferte, hat mit der Vorführung der Kanzlerin für sich selbst vorgebaut. Am nächsten Morgen stand seine Wiederwahl an - da half für ein ordentliches Ergebnis das Bashing gegen die Internationalistin aus dem Osten.

Aber Seehofer hat Merkel geradezu vorgeführt, er wird sich selbst - zumindest auf lange Sicht - damit nicht genutzt haben. Merkel vergisst nicht. Und der CSU-Chef hat überdeutlich gezeigt, wie kalt und verkracht das Klima zwischen CDU und CSU mittlerweile schon ist.

Der Rest war übrigens Schweigen. Kein Wort mehr von einer Sitzungspräsidentin, kein Wort mehr von Merkel. Die Kanzlerin schlich förmlich durch den nächsten Seitenausgang aus der Halle - just unter dem Zeichen "Fluchtweg - Notausgang". Ein beklemmend stiller Abgang.

Das letzte Wort kam übrigens von Cem Özdemir. Der Grünen-Chef meldete vom Parteitag seines Lagers aus Halle: "Merkel hätte hier bei der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen mehr Applaus bekommen als beim CSU-Parteitag." Wohl niemand im Münchner Staatstheater hätte ihm widersprochen.

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