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Kommentare

Kommentar: Die Illusion sauberer Spiele

Mit einer neuen Doping-Taskforce verspricht das Internationale Olympische Komitee saubere Spiele in Rio. Augenwischerei, meint DW-Sportredakteur Joscha Weber.

Um es ganz deutlich zu sagen: Auch in Rio de Janeiro werden wir wieder an der Nase herumgeführt. Die Olympischen Spiele - ein fairer Wettkampf von ausnahmslos ehrenhaften Sportsleuten? Von wegen. Auch im Schatten des Zuckerhutes werden gedopte Sportler rennen, springen, werfen - und sehr wahrscheinlich auch siegen. Längst nicht alle, aber eben doch einige Athleten werden mit illegalen Mitteln und Methoden nachhelfen, ihre Leistungen steigern und sich so Sekunden- oder Zentimeter-Vorteile verschaffen. Sie tun dies aus zwei simplen Gründen: Weil Doping in den allermeisten Sportarten eben doch einen messbaren Vorteil bringt - und weil man damit (meist) auch durchkommt.

Anti-Doping-Kampf? Jeder wie er will

Weber Joscha Kommentarbild App

DW-Sportredakteur Joscha Weber: "Berechtigte Zweifel am Doping-Kontrollsystem"

Genau an diesem Punkt wollen das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) nun ansetzen. Eine neu eingerichtete Anti-Doping-Taskforce soll als Frühwarnsystem fungieren. Sie soll Betrüger schon im Vorfeld der Spiele von Rio aufspüren und ihnen die Teilnahme unmöglich machen. Die Taskforce soll Informationen sammeln und zusätzliche Doping-Tests durchführen. Die Tipps dafür soll die Taskforce von den nationalen Anti-Doping-Agenturen erhalten. Klingt nach einem guten Ansatz, doch bei näherem Hinsehen gerät das ganze Konzept in arge Schieflage.

Denn zwischen den einzelnen nationalen Anti-Doping-Agenturen gibt es in Punkto Ausstattung und auch Vorgehensweise riesige Unterschiede. Während sich zum Beispiel die US-Agentur in letzter Zeit mit konsequenter Dopingsünder-Jagd ein Lob verdiente, deckte unter anderem der ARD-Journalist Hajo Seppelt in Russland ein korruptes Schweigekartell auf, bei dem die Dopingfahnder teilweise den Dopern sogar noch geholfen haben sollen. In Kenia offenbarten sich erhebliche Unzulänglichkeiten bei der Doping-Verfolgung, in Jamaika waren Kontrollen zumindest in der Vergangenheit eine sehr seltene Ausnahme. Und selbst in Deutschland klagten die Dopingjäger der NADA lange über eine unzureichende Finanzierung. Neben diesen höchst ungleichen Bedingungen steht hinter dem national organisierten System die große Frage der Parteilichkeit: Sind die oft durch den nationalen Sport mitfinanzierten NADAs tatsächlich unabhängig vom jeweils heimischen Sportsystem? In einigen Fällen gibt es da berechtigte Zweifel.

Das Versprechen vom "effizientesten Dopingsystem"

Wenn das IOC nun mal wieder kurz vor den Spielen "das effizienteste Dopingsystem" verspricht, ist das eigentlich nur Marketing. Denn wie will eine Taskforce effizient arbeiten, wenn sie entscheidende Hinweise von den nationalen Agenturen gar nicht erhält? Wenn die gesammelten Hinweise erst zu einem Zeitpunkt in mögliche Zielkontrollen umgesetzt werden können, wenn vorbereitende Doping-Kuren schon längst nicht mehr nachweisbar sind? Wenn es schlicht "zu spät" für den Aufbau eines solches Systems ist, wie die Chefin der deutsche NADA, Andrea Gotzmann, sagt? Die neue Taskforce ist ein ziemlich zahnloser Tiger.

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Andrea Gotzmann:"Eigentlich ist es zu spät"

IOC-Medizin-Chef Richard Budgett will "die sauberen Sportler leidenschaftlich schützen". Welch ein Hohn. Denn angesichts der großen Ungleichheit im weltweiten Anti-Doping-Kampf und dem noch sehr lückenhaften Netz sollten sich saubere Sportler nicht allzu große Hoffnungen auf einen fairen Wettbewerb machen. Zwischen den Zeilen wird klar, dass selbst das IOC dem eigenen System misstraut. Kürzlich wurde verkündet, dass in Rio erstmals unabhängige Richter über Doping-Fälle entscheiden sollen. "Ein großer Schritt nach vorn", feierte sich IOC-Präsident Thomas Bach, der in seiner Reformagenda 2020 mehr Unabhängigkeit versprach. Wenn im Vorfeld der Spiele aber weiter nationale Agenturen und die seit jeher im Interessenskonflikt zwischen Dopingkampf und ökonomischen Interessen stehenden Sportverbände die Verantwortung für Kontrollen und Saktionierung tragen, ist es mit echter Unabhängigkeit auch weiterhin nicht weit her.

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