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Fußball

Kommentar: Die Hoffnung lässt uns glauben

Was wurde nicht alles versprochen - Transparenz, Integrität, Gewaltenteilung. Doch ein Rückblick auf das Jahr 2016 zeigt: Die Fußballverbände machen weiter wie immer. Und wir ebenfalls, meint DW-Redakteurin Sarah Wiertz.

FIFA-Präsident Gianni Infantino während World Summit on Ethics and Leadership in Sports (picture-alliance/dpa/W. Bieri)

FIFA-Präsident Gianni Infantino

Fürchtet Euch nicht, wir bringen Euch frohe Kunde: Zum Ende des vergangenen Jahres versprachen die drei wichtigsten Fußballverbände den großen Neuanfang. Der Weltverband (FIFA), der reichste Kontinentalverband (UEFA) und der größte Nationalverband (DFB) hatten nach zahlreichen Skandalen zum Jahreswechsel jeweils keinen regulär gewählten Chef.

Die FIFA beendete als Erstes das Machtvakuum. Beim FIFA-Kongress im Februar wählten die Delegierten überraschend nicht den - wenn auch umstrittenen - Favoriten Scheich Salman bin Ibrahim al-Chalifa zum Präsidenten, sondern UEFA-Generalsekretär Gianni Infantino. Obwohl vorher öffentlich anders behauptet, hatten die Stimmberechtigten offensichtlich kurzfristig ihre Meinung zugunsten desjenigen geändert, dessen ehemalige Büroräume in der UEFA-Zentrale einen Monat später von der Schweizer Bundespolizei aufgrund angeblich dubioser Geschäfte durchsucht werden sollten. Ein Schelm, wer Böses dabei dachte.

Paranoide Verschwörungstheorien

Neue Reformen mussten her, um die FIFA aus den Negativ-Schlagzeilen zu bringen. Gewaltenteilung, Transparenz, Integrität - das waren die drei großen Stichworte. Gesagt, getan: Das bisher so mächtige Exekutivkomitee bekam durch die Verabschiedung des Reformpakets zwar mehr Mitglieder, dafür aber weniger Macht. Die hat jetzt das Generalsekretariat. Der FIFA-Rat soll fortan nur noch für die politische Richtung verantwortlich sein, der neue Präsident nur noch repräsentativ tätig und nicht mehr zeichnungsberechtigt sein.

Geschenkt, dass der FIFA-Präsident den Kandidaten für den Generalsekretärsposten vorschlägt, der Rat ihn absegnet und dort mehrheitlich eine Altherrenrunde das Sagen hat. Und dass sich die bisherigen Mitglieder des Exekutivkomitees (Exko) - anders als die neuen Ratsmitglieder - keinem Eignungscheck unterziehen müssen. Und dass die neue Amtszeitbeschränkung (zwölf Jahre) für die bisherigen Exko-Mitglieder nicht rückwirkend gilt. Alles nur Vorwürfe von paranoiden Verschwörungstheoretikern.

Drei Fliegen mit einer Klappe

 

Die FIFA und der DFB gaben schließlich ihr Bestes, die Öffentlichkeit von ihren Reform- und Aufklärungsbemühungen zu überzeugen. Der Weltverband leitete Ermittlungen gegen Franz Beckenbauer, Ex-DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und den damaligen stellvertretenden DFB-Generalsekretär Stefan Hans ein. Und der DFB konnte bekannt geben, dass die von ihm beauftragte Kanzlei Freshfields zwar eine Spur über Franz Beckenbauer nach Katar gefunden habe, ein Stimmenkauf Deutschlands vor der Vergabe der Fußball-WM 2006 jedoch nicht nachweisbar sei.

Und dann dieser Coup: FIFA-Boss Infantino stellte beim nächsten FIFA-Meeting im Mai Fatma Samoura als neue Generalsekretärin vor. Damit führt erstmals in der über 100-jährigen Verbandsgeschichte eine Frau das operative Geschäft. Kein Mann, nicht aus Europa, ohne miefigen Stallgeruch - drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Touché.

Verstoßen und doch eingeladen

Da fiel der eklatante Reformbruch gar nicht so sehr auf: Dass nämlich der FIFA-Rat doch nicht von der unabhängigen Audit- und Compliance-Kommission überwacht werden wird, weil gleich mehrere Bewerber aus der Fußballfamilie für diese Kommission durch den Integritätscheck gefallen waren. Und sich somit der FIFA-Rat wieder selbst überwacht.

Im Gegensatz zur FIFA und zum DFB schien die UEFA weniger um ihr schlechtes Renommee besorgt, als sie Anfang September vor der Wahl ihres neuen Präsidenten ihren wegen mehrerer Verstöße gegen die Ethikregeln gesperrten Ex-Chef Michel Platini eine Rede halten ließ. Ein "charismatischer Anführer" sei dieser, behauptet anschließend sein Nachfolger, der Slowene Aleksander Ceferin, der überraschend gewählt wurde - so wie Infantino sieben Monate zuvor.

Versprechen einlösen?

Dieser wiederum ließ nun nach überstandener Probezeit durchblicken, wie er unter anderem seine Wahl zuvor hatte gewinnen können. Der Schweizer gab nun offiziell zu, die Weltmeisterschaft weiter aufstocken zu wollen, von 32 auf bis zu 48 Teams. Besonders die asiatischen und afrikanischen Verbände hatten dies zuvor verlangt, also die, die eigentlich Scheich Salman bin Ibrahim Al Khalifa ihre Stimme hatten geben wollen. Bereits beim nächsten FIFA-Kongress im Januar soll die Entscheidung fallen.

Wir schreiben das Jahr eins nach dem großen Neuanfang, der offensichtlich keiner war. Doch die Liebe zum Fußball lässt uns weiter hoffen. Und die Hoffnung lässt uns weiter glauben. Und wer glaubt, wird selig.

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