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Kommentar

Kommentar: Die fundamentalen Werte des Westens und Donald Trump

Bisher war es feststehendes Begriffspaar: westliche Wertegemeinschaft. Doch der Wahlsieg von Donald Trump stellt alles in Frage und macht Angela Merkel zu einer Hoffnungsträgerin, meint Hans Brandt.

Deutschlands und Europas Politiker wurden von der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten kalt erwischt - plötzlich steht die wichtigste internationale Verbindung auf dem Prüfstand. Bei aller Skepsis gegenüber dem neuen Mann in Washington hat man in Berlin mit Selbstbewusstsein reagiert. Als "Hort der Vernunft" beschrieb Außenminister Frank-Walter Steinmeier Deutschland: "Dazu können wir selbstbewusst stehen."

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Merkels Worte an Trump

Bundeskanzlerin Angela Merkel ging noch weiter und erinnerte Trump daran, dass die Freundschaft zwischen Deutschland und den USA auf gemeinsame Werte gegründet sei, darunter "Respekt vor dem Recht und der Würde jedes einzelnen Menschen, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung oder politischer Einstellung". Auf derer Grundlage bot sie Trump eine enge Zusammenarbeit an - das war eine kaum verstecke Mahnung und Vorbedingung.

Wenn Gemeinsamkeiten betont werden müssen

Welch ein Wandel gegenüber früher: Zu Zeiten des Kalten Krieges bedurften die Gemeinsamkeiten, auf die sich das westliche Bündnis gründet, eigentlich keiner besonderen Erwähnung - auch wenn sie immer wieder hervorgehoben wurden. Der Westen war die freie, kapitalistische Welt, der Osten unterdrückt und kommunistisch. Ebenso selbstverständlich schien bisher die unverrückbare Freundschaft zwischen Europa und den USA - sie sei "so etwas wie das Fundament des Westens", sagte Steinmeier am Mittwoch.

Kommentatorenporträt Hans Brandt (DW/S. Kinkartz)

Hans Brandt ist Korrespondent im DW-Hauptstadtstudio

Doch die globalen Werte, die seit dem Fall der Berliner Mauer vor genau 27 Jahren an Gewicht gewonnen haben, sind keine Selbstverständlichkeit - erst recht nicht für einen Donald Trump. Von Globalisierung und Digitalisierung, von der Öffnung der Grenzen für Daten, Waren, Menschen und Lebensentwürfe fühlen sich überall im Westen Millionen überfordert. Der Erfolg der Populisten, welche die alte Sicherheit in alten Grenzen versprechen, hat nun auch die USA erreicht - obwohl ausgerechnet dieses Land die meisten jener Entwicklungen ausgelöst und angetrieben hat.

Umso ironischer, dass sich nun im Gegenzug das "alte Europa" als Hüter der globalen Toleranz präsentiert. Dass ausgerechnet eine Politikerin aus einer konservativen, in weiten Teilen immer noch katholisch geprägten Partei einem US-Politiker die fundamentale Bedeutung von Geschlechtergerechtigkeit und sexueller Selbstbestimmung erklärt! Merkel genießt spätestens seit der Öffnung der deutschen Grenzen für Flüchtlinge aus Krisen- und Kriegsgebieten internationales Ansehen als Verfechterin eben dieser Menschenrechte. Diese Rolle baut sie nun aus: Während sich die USA mit Trump von ihrem Anspruch als globale Führungsmacht und Weltpolizist verabschieden, bewirbt sich Merkel als Nachfolgerin für die Meinungsführerschaft in Sachen Menschenrechte und internationaler Gerechtigkeit. Das hat ihr schon jetzt Anerkennung gebracht: Ihr Katalog der Werte als Lehrstunde für den bisher ungehobelten Trump ist im Internet ein Hit!

Auch in Europa herrscht kein Werte-Konsens

Allerdings sind die Prinzipien, auf die sie sich beruft, auch unter den EU-Mitgliedern nicht unumstritten. Merkel hat also vor der eigenen Tür noch einige Überzeugungsarbeit zu leisten - was ihre Position als transatlantische Lehrmeisterin bis auf weiteres schwächt. Erst wenn Europa in diesen Fragen geschlossen auftritt, kann Merkel wirklich zur Hoffnungsträgerin werden - vor allem für jene Mehrheit der US-Amerikaner, die Trump ablehnt und nicht gewählt hat. Das wäre eine neue Form der transatlantischen Brücke, ein neues Verständnis dessen, was "den Westen" ausmacht.

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