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Standpunkt

Kommentar: Die Folgen der Führungslosigkeit

Mit dem Schlagwort "America First" wurde Donald Trump US-Präsident. Doch in Zukunft könnte China auf Platz eins der Welt stehen - wirtschaftlich und machtpolitisch, meint Miodrag Soric.

Was hat Donald Trump im Wahlkampf gegen China gepoltert! Peking würde die USA seit Jahrzehnten "über den Tisch" ziehen, geistiges Eigentum stehlen. China würde sich Handelsvorteile ergaunern, indem es den Renminbi künstlich niedrig hält; chinesische Billigprodukte würden Amerika überfluten und dort Arbeitsplätze gefährden. Wahlkämpfer Trump versprach einen radikalen Kurswechsel. Er wollte gegen China Zollschranken errichten, das Reich der Mitte unter Druck und Amerikas Interessen an erste Stelle setzen.

Seit einem Jahr sitzt nun Trump im Weißen Haus. Keine seiner vollmundigen Ankündigungen hat er in die Tat umgesetzt. Im Gegenteil: Er umschmeichelt auf seiner Asienreise den chinesischen Präsidenten Xi Jinping. Dieser lässt sich Trumps Anbiederung schweigend gefallen - manchmal mit einem feinen Lächeln vor den Fernsehkameras.

Was ist mit Trump passiert? Woher sein Sinneswandel?

Der amerikanische Präsident hatte offenbar eine Begegnung mit der Wirklichkeit: Chinas Wirtschaft boomt seit Jahrzehnten. Pekings Anteil an den weitweiten Exporten beträgt derzeit 14 Prozent vom Welthandel, Tendenz steigend - die Amerikaner kommen gerade mal auf 10 Prozent. Die Amerikaner leben auf Pump, sind davon abhängig, dass China ihnen auch in Zukunft Kredit gewährt. Peking hat jahrelang die Verdienste aus seinen Exportüberschüssen in US-Anleihen gesteckt. So wurden die Chinesen - von der US-Notenbank abgesehen - zu Amerikas größtem Gläubiger. Wenn sie wollten, könnten sie den Geldhahn zudrehen und die US-Wirtschaft in eine Krise stürzen. Natürlich macht das Peking nicht: China würde sich so selbst schaden. Dennoch: Es stärkt das Selbstbewusstsein. Wenn die Chinesen mit den Amerikanern verhandeln, dann mit denjenigen, die ihnen Geld schulden. Chinas Botschafter in Washington kann vor lauter Kraft kaum laufen.

Inzwischen, darin sind sich die meisten Wirtschaftswissenschaftler einig, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis China die USA als stärkste Wirtschaftsnation ein- und dann überholt. Die Zeit arbeitet für Präsident Xi. Drohungen des vorlauten Herrn aus dem Weißen Haus lassen ihn kalt.

Soric Miodrag Kommentarbild App

DW-Korrespondent Miodrag Soric

Der chinesische Präsident lässt sich auch beim Thema Nord-Korea nicht unter Druck setzen. Peking will in Pjöngjang keinen "regime change". Weshalb sollte es dazu beitragen, den US-Einfluss in Ost-Asien zu vergrößern? Xi will auch keinen Krieg in dieser Weltregion. Das könnte dem Geschäft schaden. Peking ermahnt die Amerikaner, ihre Drohungen an die Adresse Nord-Koreas einzustellen und eine diplomatische Lösung anzustreben - und bekommt für diese mäßigenden Worte Applaus aus Europa und Russland.

Den weiteren Aufstieg Chinas beflügelt Trump durch eine Vielzahl von Fehlentscheidungen. Die wichtigste: Amerikas Ausstieg aus dem TPP-Freihandelsabkommen. So wie dieses Vereinbarung ursprünglich konzipiert war, sollte sie Chinas Vormachtstreben eindämmen. Mit US-Hilfe wollten Länder wie Vietnam oder Japan Standards setzen - etwa bei den Themen Produktion, Handel, Arbeits- und Umweltschutz. Die Chinesen hätten sich anpassen müssen. Doch Trump verteufelte im Wahlkampf TPP. Er ließ das Abkommen nach seiner Wahl fallen. Bei Amerikas Verbündeten in Asien wachsen seitdem die Zweifel an Amerikas Verlässlichkeit. China wird es freuen.

Pekings Wiederaufstieg als Weltmacht scheint langfristig angelegt. Die sich einst gegenseitig bekriegenden chinesischen Provinzen wurden unter Mao Zedong geeint. Unter Deng Xiaoping begann der wirtschaftliche Aufstieg. Jetzt will Xi die Außen- und Sicherheitspolitik Chinas so weit stärken, dass Pekings Interessen bei weltpolitischen Entscheidungen mitbedacht werden müssen.

Trump kann das nicht verhindern. Washingtons Zeit als Hypermacht läuft ab.

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