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Standpunkt

Kommentar: Die Flucht nach Europa hält an

Mehr als 7.000 Menschen retteten Hilfsorganisationen in den vergangenen Tagen vor Libyen aus dem Mittelmeer. Dutzende ertranken. Europa muss sich diesem Drama stellen: endlich und ehrlich, meint Christoph Strack.

Tatort Mittelmeer. Tausende sind in Seenot, irgendwo zwischen Libyen und Italien. Dramen gibt es viele. Und plötzlich brauchen auch die Helfer Hilfe, dringende Hilfe. Über die Ostertage spielten sich im Mittelmeer dramatische Szenen ab. Sieben oder achttausend Menschen wurden gerettet, zumindest ein gutes Dutzend kam ums Leben. Und an diesem Mittwoch die nächste schreckliche Nachricht: Rund 30 tote Flüchtlinge an Bord eines Bootes…

Pfarrer Regamy Thillainathan, ein Priester aus dem Erzbistum Köln, verbrachte die Kar- und Ostertage an Bord eines Rettungsschiffes und berichtete am Mittwoch auch der Deutschen Welle. Er packte Ertrunkene in Leichensäcke. "Frauen und Männer und vor allem ein kleiner Junge, der vielleicht sechs oder sieben Jahre alt geworden ist. Jedes Mal, wenn wir einen Leichensack zugemacht haben, hielten wir inne, und ich konnte in Ruhe für diesen Menschen beten. Bei dem kleinen Jungen kamen wir aber doch alle an unsere Grenzen. Niemand hat verdient, so zu sterben."

Kapitäne, die helfen

Die Zahlen werden während der kommenden Wochen, wenn die See ruhiger wird, wenn die Bedingungen für See-untaugliche, völlig überladene Nussschalen besser werden, wohl weiter steigen. Die Zahlen der Flüchtlinge, auch die Zahlen der Toten. Zugleich verschärft sich die Kontroverse um Rettungsaktionen. Spielen die Helfer den Schleppern in die Hände? Oder auch: Soll man die Menschen einfach verrecken lassen?

Strack Christoph Kommentarbild App

DW-Hauptstadt-Korrespondent Christoph Strack

Während der vergangenen Tage äußerten sich mehrfach Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen, die auf Booten im Einsatz waren, anerkennend über Handelsschiffe, die angesichts der Dramatik des Oster-Wochenendes zur Hilfe bereit gewesen seien. Eigentlich ist man eher an Klagen gewöhnt, dass Kapitäne solcher Schiffe gerne die Not ausblenden und ihrem Kurs weiter folgen. Dieses Lob der Helfer geht einher mit bitterer Kritik an Frontex, der europäischen Agentur für die Küstenwache.

Frontex und die Helfer: Ein Konflikt

Die Stimmung ist angespannt. Die Helfer kritisieren Frontex, Frontex kritisiert die Helfer. Je mehr Helfer vor Libyen im Einsatz seien, desto mehr Menschen würden Schlepper in Boote packen und auf die lebensgefährliche Fahrt schicken. Der eine betreibe letztlich das Geschäft der anderen.

Man muss sich ehrlich machen. Das Drama von Flucht und Migration über das Mittelmeer dauert an. Die Schließung der Balkanroute war nicht das Ende einer großen Bewegung in ein menschenwürdiges, besseres Leben. Längst sprechen viele in der Politik offen an, dass die Route über Libyen und das Mittelmeer die neue Herausforderung für Europa ist. Und so, wie die EU einst Griechenland weithin alleine ließ, so lässt sie nun Italien allzu alleine. Und Bundespolitiker äußern sich parteiübergreifend entsetzt über die erbärmlichen Zustände in Flüchtlingslagern an der libyschen Küste.

Sollte die EU die so schwierige Lage in Libyen nicht stabilisieren können, sollte sie den Menschen, zumeist Afrikanern, die dort gestrandet sind, nicht irgendwelche Perspektiven aufzeigen - und sei es in deren Heimatländern? Ansonsten wird das nächste Drama von Flucht und Migration eskalieren. Es ist Augenwischerei in europäischen Wahlkampfzeiten so zu tun, als ob die Not vor den Toren Europas nicht längst die größte Herausforderung ist. "Niemand hat verdient, so zu sterben." Jeder, der dort geholfen hat, äußert sich ähnlich. Die Politik muss dem nachkommen.

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