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Bildung

Kommentar: Die Fassade bröckelt

Die OECD-Studie zeigt: Akademiker in Deutschland verdienen gut, aber noch immer haben viele Menschen keine Chance auf akademische Berufe. Das ist nach wie vor ungerecht, findet Gaby Reucher.

Deutschland stehe gut da, sagt die Bildungsministerin. Immer mehr Schüler haben hohe Schulabschlüsse und die Arbeitslosenquote ist im europäischen Vergleich niedrig. Alles in Ordnung also? Nein! Es stimmt: Mehr Jugendliche als je zuvor besuchen das Gymnasium und können somit die Hochschulreife erwerben. Und das lohnt sich, denn – die Studie hat es bestätigt – wer einen Hochschulabschluss in der Tasche hat, ist weniger von Arbeitslosigkeit betroffen und verdient deutlich mehr Geld. Das ist nicht überall so, gerade Lehrer oder Ärzte sind in vielen Ländern trotz akademischer Ausbildung schlecht bezahlt.

Doch die Fassade bröckelt. Seit langem wissen wir, dass es immer die gleichen sind, die in den Genuss einer guten Ausbildung kommen. Nämlich die, deren Eltern schon eine akademische Laufbahn genossen haben. Kindern aus ärmeren Familien, auch solchen mit Migrationshintergrund, wird selbst bei gleicher Qualifizierung ein Studium oder ein beruflicher Aufstieg häufig nicht zugetraut. Und das trotz aller wohlmeinenden Förderappelle an Lehrer und etlicher Projekte verschiedenster Institutionen, die Nachhilfeprogramme anbieten. In Deutschland hängt der Bildungserfolg nach wie vor von der sozialen Herkunft ab, und das kritisiert die OECD zu Recht.

Zu viele Zusatzqualifikationen sind gefragt

Die Fassade bröckelt noch stärker, wenn man weiter in die Tiefe geht. Wenn ein Studienabschluss so erstrebenswert ist für den Arbeitsmarkt, wollen natürlich immer mehr junge Leute studieren. Der Konkurrenzkampf um einen Studienplatz ist längst größer als um einen Ausbildungsplatz - zum Leidwesen mittelständischer Betriebe. Doch selbst die besten Bewerber, die ihr Abitur in der Tasche haben, halten nicht, was sich Ausbilder und Universitäten von ihnen versprechen. Nach der OECD-Studie ist das deutsche Bildungssystem zwar relativ gut an die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes angepasst, dennoch klagen Ausbilder und jüngst auch Universitäten, dass viele Studierende und Auszubildende inhaltlich unzureichend gebildet seien und nicht die richtigen Fähigkeiten für den jeweiligen Beruf oder das Studium mitbrächten. Die gute Bildung steht zwar auf dem Papier, entpuppt sich dann aber oft als Mogelpackung. Um im akademischen Bereich die besten herauszufiltern, wird bereits bei der Bewerbung an den Universitäten viel Wert auf Zusatzqualifikationen gelegt. Wer spricht viele Sprachen, wer hat viel Zeit im Ausland verbracht, wer hat sich sozial oder politisch engagiert? Und genau da haben wiederum sozial benachteiligte Familien das Nachsehen. Sie fallen abermals durch das Raster, weil sie ihren Kindern z.B. keinen Auslandsaufenthalt finanzieren können. Trotz eines Zuwachses der Studierendenzahlen klafft die Schere zwischen arm und reich also weiter auseinander.

Schnittstellen für Bildungsakteure schaffen

An diesem Punkt könnten alle Beteiligten ansetzten. Will man wirklich allen sozialen Schichten eine Chance geben und damit statistisch gesehen weltweit punkten, sollte man nicht nur den äußeren Schein waren, sondern innere Strukturen ändern. Universitäten könnten mehr Brückenkurse anbieten, um Studienanfänger, die nicht die richtigen Voraussetzungen mitbringen, aufzufangen. Inhalte sollten mehr im Vordergrund stehen als die Anzahl der Zertifikate, die man erbringt. In diesem Zusammenhang sollten Universitäten und Betriebe die Anforderungsspirale an die Bewerber nicht immer höher schrauben, denn je höher die Latte liegt, desto unwahrscheinlicher ist es eine Chancengleichheit zu erreichen. Und letztendlich ist natürlich auch die Politik gefordert, mehr Geld in die Bildung zu investieren und damit mehr Schnittstellen zu schaffen zwischen Schulen, Ausbildern und Universitäten. Das deutsche Bildungssystem würde profitieren, wenn die Zusammenarbeit der vielen Bildungsakteure stärker institutionalisiert wäre.