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Kommentar: Die EM der Gegensätze

Noch nie stand ein Fußball-Ereignis so im Zeichen der Angst wie diese Europameisterschaft in Frankreich. Trotz der Bedrohung durch den Terror hat die EM die Chance auf ein Happy End, meint DW-Sportredakteur Joscha Weber.

8600 Einwohner, 102 jährliche Geburten, vier Schulen, drei Seniorenheime, eine Seilbahn - das Leben in Évian-les-Bains ist ziemlich beschaulich. Wer den hübschen Ort am Südufer des Genfersees besucht, wird von einer beeindruckenden Kulisse begrüßt: türkisblaues Seewasser, viel Grün, mondän-altehrwürdige Hotels, die Alpenriesen im Hintergrund. Mehr Idyll geht kaum. Mehr Peripherie aber auch nicht. Paris und die dort in diesen Tagen allgegenwärtige Angst vor neuen Terroranschlägen ist gefühlt weit mehr als 600 Kilometer entfernt. Am Rande der Republik ist die Welt noch in Ordnung, so scheint es.

Ein Fußballfest, das erst noch eins werden muss

Genau dorthin hat es die deutsche Nationalmannschaft verschlagen. Zwar wollte Teammanager Oliver Bierhoff den Weltmeister eigentlich standesgemäß in der funkelnd-quirligen Hauptstadt einquartieren, aber Bundestrainer Joachim Löw suchte den Gegensatz dazu: die Ruhe der Provinz. Vielleicht in Erinnerung an das verschlafene Nest Santo André, das das längst zum Kultort verklärte Campo Bahia beherbergte, die Unterkunft der Nationalelf in Brasilien. Vielleicht aber auch, um den schrecklichen Erinnerungen an jenen 13. November 2015 so lange wie möglich aus dem Weg zu gehen. Die Attentate von Paris, die auch dem deutschen Nationalteam galten und die DFB-Elf zu einer angstvollen Nacht im Innenraum des Stadions zwangen, liegen wie ein Schatten über dem viel zitierten Fußballfest, das in Wirklichkeit erst noch eins werden muss.

Weber Joscha Kommentarbild App

Joscha Weber ist Leiter der Sportredaktion Online

Diese EM wird anders. Eine Platitude, die dieser Tage oft zu lesen ist. Doch die Phrase ist wahr: Nie stand ein Fußball-Megaevent so im Zeichen der Angst. Geheimdienste warnen vor Anschlägen, Polizei und Militär patrouillieren, die EM-Teams werden streng bewacht. Viele Fans, Betreuer und auch Spieler reden längst nicht nur über Fußball - sie diskutieren, wo es sicher ist und wo möglicherweise nicht. Und auch die EM-Korrespondenten der DW sind mit einem mulmigen Gefühl nach Frankreich gereist. Bleibt es friedlich? Ist wirklich für die Sicherheit gesorgt? Frankreich gibt sein Bestes - aber Garantien geben kann niemand.

Ohne Emotionen ist der Fußball nichts

Dafür ist die Bedrohung zu diffus, zu willkürlich, zu wenig greifbar. Das ist die perfideste Waffe des Terrorismus. Er schafft es in unsere Köpfe, verändert Gedanken und Emotionen. Dabei sind Letztere es doch, die eine Fußball-Europameisterschaft erst zu einem wirklich magischen Ereignis machen. Ohne Bangen, Hoffen, Jubeln, Weinen, Ärgern und Triumphieren ist Fußball nichts. Manche Fans feiern ihr Team wie bei den letzten Turnieren, andere sind verhalten oder meiden gar Menschenansammlungen. Euphorie trifft auf Angst. Es ist die EM der Gegensätze.

Übrigens auch im Sportlichen. Nie trafen so viele "Kleine" auf so viele "Große". Nie war die Schere zwischen Außenseitern wie Albanien, Nordirland oder Ungarn und Favoriten wie Deutschland, Frankreich oder Spanien größer. Nie gab es mehr Stars und zugleich nahezu unbekannte Kicker bei einer EM. Dies ist die Gelegenheit, eine andere Story zu erzählen als die eines Turniers der Angst. Von mutigen Underdogs, wankenden Riesen, überraschenden Nobodys und strahlenden Helden soll diese Geschichte handeln. Von rein sportlichen Gegensätzen eben. Vielleicht liegt genau hier die Chance auf ein Happy End: Wenn es etwas gibt, das uns zumindest für einen Moment lang alle Sorgen vergessen lässt, dann ist es doch die schönste Nebensache der Welt.

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