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Kommentar: Die Elbphilharmonie - am Ende wird alles gut

Große Kulturbauten machen bis zur Eröffnung oft durch Skandale von sich reden. Die Elbphilharmonie macht da keine Ausnahme. Doch dann sind sie nicht mehr wegzudenken - und der wirtschaftliche Nutzen ist unermesslich.

Aus dem roten Backsteinsockel eines historischen Speichers im Hamburger Hafen wächst ein tollkühner Glaspalast. Scheinbar in der Luft schwebend beherbergt er einen Konzertsaal, der Mitte Januar mit einem Konzert des NDR-Elbphilharmonie Orchesters (ehemals NDR-Sinfonieorchester) festlich eingeweiht wird. Was wird man dann sagen?

"Burn it!" schrieb der große amerikanische Dirigent Leonard Bernstein wutentbrannt in das Gästebuch der Philharmonie am Gasteig in München - und zwar direkt nach seinem ersten Auftritt im 1985 fertig gestellten Prachtbau. Grund dafür war die grauenhafte Akustik. An dieser hat man seitdem getüftelt - ohne das Problem zu beseitigen. Im Dezember vergangenen Jahres wurde nach 15-jähriger Diskussion sogar der Bau einer neuen Münchner Philharmonie beschlossen.

Die Diskussion um ein Festspielhaus in der Bundesstadt Bonn zog sich ebenfalls jahrelang hin - mit negativem Ausgang. Der Bau wurde zur Genugtuung vieler aufgebrachter Bürger verworfen, die die Millionenkosten für eine elitäre Minderheit der Bevölkerung beanstandeten.

Nicht mit Millionen, sondern mit fast einer einer Milliarde Euro schlägt nun die Elbphilharmonie in Hamburg zu Buche. Die 789 Millionen Euro Baukosten sind mehr als zehnmal so viel wie ursprünglich geschätzt. Hätten die Hamburger das vorher gewusst, gäbe es das Gebäude heute sicherlich nicht.

Fulker Rick Kommentarbild App

DW-Musikredakteur Rick Fulker

Das Rad wird wieder neu erfunden

Der kürzlich verstorbene amerikanische Akustikexperte Leo L. Beranek veröffentlichte eine Liste der besten Konzertsäle der Welt. Da das Urteil subjektiv sein muss, legte er der Liste Interviews zugrunde, die er weltweit geführt hat. Da gab es einen deutlichen Trend: Die Säle, die die besten Plätze belegen, wurden alle vor dem Jahr 1901 gebaut. Beranek führte das auf ihre rechteckige Form und die karg gepolsterten Sitze zurück, wie beispielsweise beim Wiener Musikverein, dem Amsterdamer Concertgebouw oder der Bostoner Symphony Hall. Auch das von Richard Wagner entworfene und 1876 fertig gestellte Festspielhaus in Bayreuth wurde - trotz mehrerer Versuche - in seiner akustischen Qualität nie erreicht, zumindest wenn es um Aufführungen der Werke des Meisters geht.

Dagegen ist die Elbphilharmonie rund und kurvenreich, mit steilen, terrassenförmig aufsteigenden Sitzreihen. Moderne Architekten wollen eben beeindrucken. Graziös und verspielt mutet das Jahrhundertbauwerk an - von innen wie von außen. Das soll nicht heißen, dass die Elbphilharmonie nicht in die Reihe der Top Ten der Konzertsäle weltweit aufrücken kann, wie jetzt schon überall angekündigt wird. Wie sie wirklich klingen wird, wird man aber erst am 11. Januar erfahren, wenn hier die erste Konzertveranstaltung stattfindet.

Hamburg Elbphilharmonie (Iwan Baan)

Sogar die Auffahrt auf der gewölbten Rolltreppe mutet fantastisch an

"Architekten - alles Schwachköpfe. Sie vergessen immer die Treppen im Haus", sagte einst der französische Autor Gustave Flaubert. Das klingt wie geplanter Pfusch am Bau. Bevor die Elbphilharmonie fertig wurde, gab es jahrelange Querelen und Gerichtsklagen zwischen den Architekten, der Baufirma und der Stadt Hamburg. Verantwortliche mussten mehrfach ihre Posten räumen. Über 4.000 Baumängel mussten beseitigt werden. Zwischenzeitlich kommunizierten die Konfliktparteien gar nicht mehr miteinander. Nachdem die Kosten vollends aus dem Ruder gelaufen waren, hatte die Stadt dem Bauriesen Hochtief AG "wegen unberechtigter Leistungsverweigerung" mit Kündigung gedroht.

Das war wohl ein Bluff. Hamburg hatte zwar um 2010 ein Haushaltsdefizit von rund 500 Millionen Euro, konnte sich jedoch keinesfalls eine Bauruine leisten. Nun hat Hamburg seine Elbphilharmonie, und der Wortteil "Harmonie" überschattet momentan alle Ärgernisse der vergangenen zehn Jahre.

Ein Blick in die Geschichte

Und was hat die Stadt davon? Das haben sich auch die Stadtväter von New York beim ersten Spatenstich des Lincoln Centers 1959 gefragt. Der Bau des Kulturzentrums auf der heruntergekommenen Westseite Manhattans, umgeben von Slums und Kriminalität, sollte für ein Stück Stadterneuerung stehen. Jetzt ist das Viertel mit seiner Mischung von exklusiven Wohnungen, Restaurants, Einkaufsmöglichkeiten und Kulturangeboten eine weltweite Attraktion. Wie viel Wirtschaftsaktivität das im Laufe der Jahre ausgemacht hat, ist unmöglich einzuschätzen.

Stadterneuerung versprach man sich auch bei der Errichtung der "Philharmonie de Paris" im 19. Arrondissement in der Nähe einer Arbeiter-Vorstadt: in einer Gegend, die bislang nicht zu den kulturellen Zentren der Stadt zählte. Durch Bauprobleme wurde der Eröffnungstermin um zwei Jahre verzögert. Es sollte 200 Millionen Euro kosten, unterm Strich wurden schließlich mehr als 380 Millionen ausgegeben. Bei der Eröffnung im Januar 2015 beschrieb man die Akustik dann als "grandios".

Hamburg Elbphilharmonie (Michael Zapf)

Etwas für das Ohr - und auch für das Auge

Anti-elitär mutet auch die Entscheidung für ein Musikzentrum auf dem Gelände einer ehemaligen Knödelfabrik in der Nähe des Münchner Ostbahnhofs an. Sie soll 2021 eingeweiht sein - obwohl keiner, nach der Erfahrung ähnlicher Bauprojekte, wirklich daran glauben mag.

Ähnlich wie die Elbphilharmonie wurde auch das 1973 eingeweihte Sydney Opera House acht Jahre nach dem ursprünglichen Plan fertiggestellt, die Baukosten überschritten den Etat um ein Vielfaches. Jetzt gehört das Haus zum UNESCO-Welterbe. Bei keiner Stadtansicht von Sydney fehlt das markante Gebäude, das zu den berühmtesten Bauwerken des 20. Jahrhunderts zählt.

Das könnte eines Tages auch für die Elbphilharmonie gelten. Voraussagen kann man das zwar nicht. Global und langfristig gesehen ist jedoch die Bilanz der großen Investitionen für die Kultur - die immerhin nur einen Bruchteil von dem ausmachen, was etwa für den Sport ausgegeben wird, geschweige denn für Soziales oder für die nationale Verteidigung - bisher durchaus positiv. Wie viel Musik darin steckt, kann man schlicht und einfach nicht in Zahlen ausdrücken. 

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