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Handelsbilanz

Kommentar: Die alte Leier - deutsche Exporte in der Kritik

Deutschland hat seit Jahren einen Exportüberschuss. Das wird international immer wieder kritisiert. Doch es gehören immer zwei dazu, solche Ungleichgewichte zu produzieren, meint Rolf Wenkel.

Zugegeben: Die Überschüsse in der deutschen Leistungsbilanz werden immer größer. Das liegt vor allem daran, dass wir mehr produzieren als wir brauchen, mehr Waren und Dienstleistungen ins Ausland verkaufen als wir von dort beziehen. Innerhalb von zehn Jahren hat sich dieser Überschuss mehr als verdoppelt, von rund vier Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung (BIP) auf 8,6 Prozent im vergangenen Jahr.

Dieser Exportüberschuss ist vielen ein Dorn im Auge. Die EU-Kommission spricht von Ungleichgewichten, wenn das Loch oder der Überschuss einer Leistungsbilanz mehr als sechs Prozent des jeweiligen BIP beträgt. Die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, stößt ins gleiche Horn: Zwar sei es legitim für ein Land mit alternder Bevölkerung wie Deutschland, auf Exportüberschüsse zu zielen, so Lagarde. Doch: "Vier Prozent mögen vielleicht gerechtfertigt sein, acht Prozent sind es nicht".

Wenkel Rolf Kommentarbild App

Rolf Wenkel, DW-Wirtschaftsredaktion

Zuletzt hatte sich auch der französische Präsidentschaftsbewerber Emanuel Macron kritisch geäußert und die deutsche Exportstärke als "nicht mehr tragbar" bezeichnet. Finanzminister WolfgangSchäuble muss sich diese Vorwürfe in diesen Tagen auch wieder in Washington anhören, auf der Frühjahrstagung von IWF und Weltbank, wo sich auch regelmäßig die Finanzminister der G20 treffen. Wieder einmal. Denn neu sind sie nicht, diese Vorwürfe - und sie bekommen auch durch ständige Wiederholungen nicht mehr Gewicht.

Wir können nix dafür!

Zugegeben: Deutschland ist momentan enorm wettbewerbsfähig im internationalen Vergleich. Es hat sich seit der Jahrtausendwende durch Arbeitsmarktreformen und Lohnzurückhaltung vom kranken Mann Europas zur Lokomotive entwickelt. Aber kann man daraus der deutschen Wirtschaftspolitik einen Vorwurf machen? Löhne werden zwischen den Tarifparteien ausgehandelt, zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern - der Staat hat dort aus gutem Grund nicht mitzureden. Und man kann diesem Staat auch keinen Vorwurf machen, wenn er seinen Arbeitsmarkt so reformiert, dass die Zahl der Arbeitslosen sinkt und neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Im Gegenteil – daran könnte sich der eine oder andere Nachbar in Europa ein Beispiel nehmen.

Sind deutsche Exportprodukte, also zum Beispiel Maschinen oder Autos, im Ausland zu billig? Dieser Vorwurf war mal zutreffend - in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als die D-Mark stark unterbewertet war. Heute hat Deutschland keine eigene Währung mehr, die Geldpolitik wird von der Europäischen Zentralbank gemacht - und auf die hat Berlin keinen Einfluss. Ein Herr Draghi sorgt für einen schwachen Euro und niedrige Zinsen in Euroland, weil er Geldpolitik für alle Euroländer macht, und nicht für Deutschland. Gewiss: Hätte Deutschland noch eine eigene Währung, würde diese vermutlich stark aufwerten und den deutschen Exporten einen Dämpfer versetzen.

Fazit bis hierher: Der Finanzminister braucht in Washington nur mit den Schultern zu zucken, er hat auf alle bis hierhin genannten Gründe für das dicke Plus in der deutschen Leistungsbilanz kaum einen Einfluss. Das gilt ebenso für das Tief bei den Preisen für Rohstoffe und Energie, der die Kosten für die deutsche Industrie im Rahmen und deutsche Produkte preislich wettbewerbsfähig hält. Doch gleiches gilt für die, sagen wir italienische oder französische Industrie. Trotzdem verkaufen wir 36 Prozent unserer Waren und Dienstleistungen im Euroraum.

Wir sind halt zu gut!

Man traut es sich ja fast gar nicht zu sagen, weil Eigenlob bekanntlich stinkt - aber kann es sein, dass die deutschen Exporterfolge etwas mit Qualität zu tun haben, verbunden mit Verlässlichkeit, Pünktlichkeit, Liefertreue? Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Unser Warenaustausch mit den USA hat im vergangenen Jahr 164 Milliarden Dollar betragen. Die Crux dabei: Wir haben in die USA Waren für 115 Milliarden Dollar verkauft, aber von dort nur Waren im Wert von 49 Milliarden Dollar bezogen.

Das zeigt aber nur, dass Amerikaner offenbar deutsche Qualitätsprodukte bevorzugen, während die USA keine nennenswerten Exportprodukte aufweisen können, ein paar Computer, etwas Software und ein paar Flugzeuge vielleicht ausgenommen. Benzinsaufende Pikups sind jedenfalls kein US-Exportschlager, und die süße CocaCola-Brause wird in jedem Land von Lizenznehmern zusammengemixt, zählt also streng genommen nicht zu den Exporten. Auch ein Herr Trump wird es schwer haben, diese Verhältnisse umzukehren, weil sie strukturelle Ursachen haben, die nicht einfach per Präsidentendekret verschwinden.

Allerdings gibt es ein paar Maßnahmen, die den deutschen Leistungsbilanzüberschuss tendenziell schmälen könnten. Höhere Löhne zum Beispiel würden nicht nur Exportprodukte verteuern, sondern auch gleichzeitig den Binnenkonsum ankurbeln. Auch der Staat könnte für mehr Binnennachfrage sorgen, indem er Schienen, Straßen, Schulen und Universitäten ausbaut, den Wohnungsbau fördert und flächendeckend in die Breitbandkommunikation investiert. Kaum ein deutscher Hersteller von Investitionsgütern würde sich der dadurch generierten heimischen Nachfrage widersetzen, sagen die deutschen Maschinenbauer. Im Gegenteil: Das Geschäft vor der eigenen Haustür ist immer gern gesehen.

Tatsächlich ist der deutsche Leistungsbilanzüberschuss auch ein Spiegelbild der schwachen Investitionstätigkeit hierzulande. Die Unternehmen investieren lieber im Ausland. Deutschland ist saturiert und altert, die Wachstumsmärkte sind anderswo. Doch das erklärt nur einen kleinen Teil der deutschen Überschüsse - und rechtfertigt auf keinen Fall die teils massive Kritik, die deutsche Wirtschafts- und Finanzpolitiker zur Zeit einstecken müssen. Im Gegenteil, diese Kritik ist eher ein Indiz dafür, dass man die Schuld an den selbst verursachten Defiziten lieber bei anderen sucht, anstatt das eigene Land durch Reformen wettbewerbsfähiger zu machen.

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