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Politik

Kommentar: Die "Als-ob"-Spiele

Die Olympischen Spiele sind vorbei. China konnte sich als modernes Land präsentieren. Aber haben die Spiele der Volksepublik zu mehr Demokratie verholfen? Matthias von Hein kommentiert.

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Matthias von Hein

Matthias von Hein

Es war die perfekte Leistungsschau – genau das, was das Internationale Olympische Komitee (IOC) bestellt hatte. China spielte in Peking seine Stärken aus: Die Fähigkeit einer autoritären Regierung, Menschen und Ressourcen für zentral festgelegte Projekte zu mobilisieren. Die Fähigkeit, zur Not auch mal den Autoverkehr wochenlang zu beschränken und Fabriken stillzulegen - damit die Luftqualität den Standards wenigstens halbwegs entspricht. Leider spielte Peking auch seine Fähigkeiten aus, Proteste zu verhindern, Dissidenten abzuschirmen, Journalisten zu behindern.

Falsche Versprechen, falsches Mädchen

Die 29. Olympischen Sommerspiele von Peking werden möglicherweise in die Olympische Geschichte eingehen als die "Als-ob"-Spiele: Das IOC tat so, als ob es die Vergabe der Spiele mit einem Nachhilfekurs in Sachen Demokratisierung verknüpfen könnte. Die chinesische Regierung tat so, als ob sie im Zusammenhang mit den Spielen größere Freiheitsrechte zulassen würde. China tat so, als wäre es das moderne, weltoffene Land, als das es sich präsentiert. Die Olympia-Organisatoren taten so, als ob sie Demonstrationen zuließen – auch wenn keine einzige genehmigt wurde und die Antragsteller im Gefängnis landeten. Bei der Eröffnungsfeier tat ein hübsches Mädchen so, als würde es singen – während die Stimme doch vom Band kam und sogar von einem anderen Mädchen stammte. Kleine Chinesen taten so, als ob sie Kinder einer der 55 nationalen Minderheiten wären – aber man hatte sie nur in bunte Kostüme gesteckt. Die Athleten taten so, als ob sie aus eigener Kraft Weltrekord um Weltrekord brechen könnten. Ein deutscher Reiter dopte sogar sein Pferd! IOC, Organisatoren, Sponsoren und Medien gemeinsam taten so, als ob die Spiele ein "Fest der Jugend der Welt" wären, wo doch längst der Kommerz regiert. Die Welt tat so, als gäbe es einen "Olympischen Frieden". Doch genau zur Eröffnung begann Georgien seinen Waffengang gegen die abtrünnige Provinz Südossetien.

Peking kann zufrieden sein

Für die chinesische Regierung sind die Olympischen Spiele dennoch ein Erfolg - vielleicht nicht so sehr in der Außenwirkung wie erhofft, wohl aber nach Innen. Der Medaillenregen, die Eröffnungsschau mit mehr Regierungschefs aus aller Welt als je zuvor, der organisatorisch perfekte Ablauf der Wettkämpfe – all das wurde in jedes chinesische Wohnzimmer übertragen. Das stärkt das nationale Selbstbewusstsein. Und ist damit wertvolles politisches Kapital für die Herrschafts-Legitimation einer Partei, die ideologisch abgewirtschaftet hat.

Verlierer ist das IOC. Allzu naiv hat es geglaubt, der Demokratisierungsschub der Spiele von 1988 im südkoreanischen Seoul ließe sich auch in Peking realisieren. Aber Südkorea ist ein kleines Land, in sicherheitspolitischen Fragen abhängig von den USA. China ist ein riesiges Land, das nach eigenen Gesetzen funktioniert.

Hoffnung auf Langzeit-Effekt

Ein Keim der Hoffnung aber bleibt. Er nährt sich aus unterschiedlichen Teilen. Auf internationalen Druck hin wurde für die Dauer der Spiele etwa die Internet-Zensur gelockert - zwar nicht aufgehoben, aber doch so weit gelockert, wie nie zuvor. Diese Lockerung könnte sich in den kommenden Jahren auch auf andere Bereiche der Gesellschaft ausdehnen. Große Veränderungen in China bereiten sich lange im Verborgenen vor. Deshalb wird erst die Zukunft zeigen, ob und wie die Spiele China verändert haben.

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