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Wirtschaft

Kommentar: Die Ölpreis-Falle

Selten wurde so viel über den Ölpreis gesprochen wie 2014. Das verwundert nicht angesichts des drastischen Preissturzes. Besserung ist vorerst nicht in Sicht. 2015 könnte es turbulent werden, meint Henrik Böhme.

Wo immer Öl verbraucht wird, ist die Freude seit Wochen groß. Eine Tankfüllung fürs eigene Auto kostet deutlich weniger als noch vor 12 Monaten, und wer jetzt seinen Heizöl-Kessel gefüllt hat, dessen Rechnung fällt auch viel freundlicher aus als im Jahr zuvor. Experten der Mineralölbranche haben ausgerechnet, dass allein die deutschen Autofahrer beim Tanken in 2014 fünf Milliarden Euro gespart haben, verglichen mit dem Jahr davor.

Das Geld wird dann für andere Dinge ausgegeben, was wiederum die Inlandsnachfrage stärkt. Das wirkt sich positiv auf die Konjunktur aus. Und: Deutschlands Exporteure haben ebenfalls Grund zum Frohlocken: Weil der Eurokurs ebenfalls deutlich gesunken ist, können sie ihre Erzeugnisse günstiger verkaufen. Das alles führt dazu, dass immer mehr Konjunktur-Forscher ihre Wachstumsprognosen für das kommende Jahr angehoben haben. Steht Deutschland - und mit ihr die Eurozone - also vor einem guten Wirtschaftsjahr 2015?

Wohl kaum, wenn der Preis für Öl so niedrig bleibt. Schon jetzt sind die weltweiten Märkte äußerst nervös. Das heftige Auf und Ab der Börsen in den vergangenen Wochen ist ein Anzeichen dafür. Fallen die Preise weiter, könnte die Eurozone doch noch in eine gefährliche Deflations-Falle tappen. In Erwartung immer weiter sinkender Preise verschieben Menschen größere Anschaffungen und Firmen strecken ihre Investitionspläne. Diese sinkende Nachfrage führt zu weiter sinkenden Preisen - am Ende droht eine lange Phase der Stagnation. Japan, die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, steht als warnendes Beispiel.

Gefahr durch Russlands Staatsbankrott

Ein weiterer Gefahrenherd sind die Öl-Förderländer. Dort drohen nicht unerhebliche Turbulenzen, zum Beispiel in Venezuela und Russland, die auf die Einnahmen mehr als viele andere angewiesen sind. Was Russland betrifft, so zeigt der Cocktail aus Sanktionen und Ölpreis-Verfall bereits heftige Wirkung. Die Landeswährung ist im Keller, die Kapitalflucht in vollem Gange und Investoren haben das Vertrauen in die Wirtschaft des Landes verloren. Wer immer noch glaubt, ein Staatsbankrott von Putins Reich würde spurlos am Westen vorüber gehen, der liegt falsch. Die Situation erinnert fatal an die letzte große Schwellenländer-Krise Ende der 1990er Jahre. Damals halfen Währungsfonds und Weltbank den Russen mit vielen Milliarden Dollar. Das wäre im Moment politisch wohl kaum durchzusetzen, zumal die Milliarden von damals in dunklen Kanälen versickert sind.

Sollte also Russland zahlungsunfähig werden, dann müssten die Konjunktur-Auguren ihre schönen Prognosen allesamt neu schreiben. Genau wie in den USA, auch ein Förderland, seit der Fracking-Ära sogar ein sehr bedeutendes, und sozusagen mitschuldig am Überangebot auf den Öl-Märkten und damit am Preisverfall. Doch auch hier lauert eine echte Gefahr. Die Fracking-Branche hat zur Finanzierung ihrer teuren Technologie viele hochverzinste Anleihen begeben. Doch es gibt eine Schmerzgrenze, ab der sich Fracking nicht mehr rechnet. Wenn Firmen dann in die Pleite rutschen und die Anleihen nicht mehr bedient werden können, könnte dies zu einem ähnlichen Finanzcrash führen wie nach dem Platzen der US-Immobilienblase 2008. Schon erstaunlich, wenn der saudische Öl-Minister nun erstmals offen zugibt, dass man sich um die eigene Marktmacht sorge. Wenn der Preis falle, dann falle er eben. Andere würde das hart treffen, man selbst werde dann noch nichts davon spüren. So klingen Kampfansagen.

Nachfrage nach Spritfressern

Und noch eine Sache: So schön ein niedriger Ölpreis für den Moment ist: Es ist kein gutes Zeichen, wenn plötzlich der Spritfresser schlechthin unter den Automobilen, der Geländewagen Hummer von GM, eine riesige Nachfrage erlebt. Es lässt uns vergessen, dass Erdöl ein endlicher, versiegender Rohstoff ist. Es lenkt davon ab, sich um moderne Antriebsformen zu kümmern und um neue Formen der Energieversorgung.

So bleibt zu hoffen, dass sich der Ölpreis im neuen Jahr wieder fängt und sein absurd niedriges Niveau verlässt. Sollte das nicht passieren - und es sieht derzeit nicht danach aus - waren die unruhigen letzten Wochen des Jahres 2014 nur ein lauer Vorgeschmack auf ein turbulentes Jahr 2015.