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Politik

Kommentar: Deutschland braucht die Gemeinschaftsschule

Der neuste OECD-Bericht legt den Finger in die Wunde: Das dreigliedrige Schulsystem lässt das Bildungsniveau sinken, vor allem bei Kindern mit Migrationshintergrund. Reformen sind überfällig.

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Daniel Scheschkewitz

Daniel Scheschkewitz

Der am Dienstag (8.4.2008) vorgelegte Bericht der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung spricht eine klare Sprache. Deutschland hat durch die Reformen der vergangenen Jahre an Zukunftsfähigkeit gewonnen. Aber, es gibt noch viel zu tun: Vor allem in den Bereichen Arbeitsmarkt und Bildung muss die Bundesrepublik aufholen um anhaltendes und nachhaltiges Wachstum gewährleisten zu können. Die Zukunft Deutschlands, erinnerten die OECD- Experten, hängt nicht unerheblich davon ab, ob es gelingt, die wachsende Zahl von Bürgerinnen und Bürgern mit Migrationshintergrund für den Arbeitsmarkt der Zukunft fit zu machen. Das aber ist mit der frühen Trennung von Kindern in unserem dreigliedrigen Schulsystem kaum zu bewerkstelligen.

Unterschiedliche Schulformen sind kontraproduktiv

Was Gewerkschaften, Bildungsexperten und Zukunftsforscher seit langem bemängeln, bestätigen nun auch die OECD-Experten: Wenn es darum geht, eine möglichst hohe Qualifizierung breiter Bevölkerungsschichten zu erreichen, Bildungsabschlüsse zu verbessern und Parallelgesellschaften mit Ghettomilieus zuvorzukommen, ist die frühe Aufteilung der Kinder in unterschiedliche Schulformen kontraproduktiv.

Wer also keine türkischen Schulen in Deutschland will, wie sie unlängst vom türkischen Ministerpräsidenten Erdogan gefordert worden waren, der muss die Kinder der hier lebenden Türken besser in unserem Schulsystem fördern. Mit der frühen Aussortierung auf Hauptschulen werden sie dagegen in der Masse auf ein Abstellgleis geschoben, das gleichermaßen unproduktiv wie für die Gesellschaftsentwicklung gefährlich ist.

Nicht erst seit den Pisa-Studien muss sich Deutschland diese Kritik gefallen lassen - wer es mit der Zukunftsfähigkeit Deutschlands ernst nimmt, dem dürfen die Kinder von über zehn Millionen Migranten nicht egal sein. Sie sind für das Überleben unserer Sozialsysteme unverzichtbar und als Arbeitnehmer der Zukunft nur mit entsprechenden beruflichen Qualifikationen gefragt.

Bildungsniveau muss verbessert werden

Aber auch gesamtgesellschaftlich gilt es einen Negativ-Trend zu stoppen: schon heute ist das Bildungsniveau der 14 bis 25-jährigen geringer als das der 49 bis 65-jährigen Bundesbürger. Man muss kein Kulturpessimist sein, um eine beängstigende Zuspitzung dieser Entwicklung vorauszusehen. Nur wenn es gelingt, die Ganztagsschule mit individuellen Betreuungsmöglichkeiten auch am Nachmittag für alle Kinder zur Regelschule werden zu lassen, lässt sich das Bildungsniveau verbessern. Dann werden künftig auch wieder mehr gut ausgebildete junge Mütter dem Jobmarkt zur Verfügung stehen - Heim und Herdprämien, wie sie in Teilen der CDU diskutiert werden, da sind sich die OECD Experten einig, weisen dagegen in die falsche Richtung.

Jetzt ist der richtige Zeitpunkt für Reformen

Die deutsche Wirtschaft braucht gut ausgebildeten Nachwuchs ebenso wie gut qualifizierte Frauen, die dem Arbeitsmarkt auch als Mütter weiter zur Verfügung stehen. Von gestern ist dagegen unser Steuerrecht mit einem Ehegattensplitting, das die traditionelle Rollenverteilung zementiert. Aber auch bei der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, der Lockerung des Kündigungsschutzes und im Gesundheitswesen muss Deutschland seine Reformen fortsetzten, wie die OECD zurecht anmahnt. Jetzt, da DeutschIands Wirtschaft boomt, wäre der richtige Zeitpunkt, diese Reformen voranzutreiben. Das gilt auch für die Stärkung der Binnennachfrage, ohne die der Wirtschaftsaufschwung schneller erlahmen wird, als ohnehin schon befürchtet werden muss.

Investitionen sind notwendig

Bundeswirtschaftsminister Glos sprach in einer ersten Reaktion auf den Bericht von "wertvollen Anregungen". Ob sich jedoch diese Bundesregierung mit ihrem Hang zum Minimalkonsens zu weiteren Reformen im Sinne des OECD-Berichtes aufraffen wird, erscheint höchst zweifelhaft. Die Zeichen jedenfalls deuten in eine andere Richtung: SPD-Finanzminister Steinbrück will über die Etatvorschläge der Zukunftsressorts Bildung, Verkehr und Entwicklung für den neuen Haushalt noch nicht einmal diskutieren, wie es in der Tagespresse heißt. Wer aber den Sparzwang zur Staatsräson erhebt, verkennt, dass staatliche Investitionen wichtige Impulse setzen, ohne die auch im Zeitalter der Globalisierung keine moderne Gesellschaft auskommt.

Denn ohne die entsprechenden Investitionen werden kühne Reformen auch weiterhin bloße Lippenbekenntnisse bleiben.

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