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Tennis

Kommentar: Deutsche nicht auf Augenhöhe

So schwach haben deutsche Tennis-Spieler seit einer kleinen Ewigkeit (2008) nicht mehr bei einem Grand-Slam-Turnier abgeschnitten. Allgemeines Kofferpacken nach Runde 1. Das ist nicht nur Pech, meint Marko Langer.

Alex Zverev, Angelique Kerber, Philipp Kohlschreibe (picture alliance/Photoshot/abac/H.Yan/P. D. Josek/H. Szwarc)

Alexander Zverev, Angelique Kerber, Philipp Kohlschreiber - bei ihren Spielen 2017 in Paris

Er werde jetzt nach Hause fahren, nach Monte Carlo, an den Strand, da sei schönes Wetter, sagte ein mürrischer Alexander Zverev nach seiner Niederlage dem Team von "Eurosport". Und so wie er das sagte, dürfte das schöne Wetter in Monte Carlo für ihn ungefähr so reizvoll sein wie eine Wurzelbehandlung eines Weisheitszahnes. Endstation in der ersten Runde in Paris. Gegen Fernando Verdasco. Für den Hoffnungsträger des deutschen Tennis eine bittere Erfahrung. Er habe einfach großen Mist gespielt. "So einfach ist das." Mist war da noch die charmante Übersetzung eines Wortes, das Kreisklasse-Tennisspieler immer dann auch auf dem Platz benutzen, wenn es nicht läuft. Es beginnt mit "Sch ... "

"Sch ..." Das ist eigentlich ausreichend Kommentar des Abschneidens der deutschen Tennis-Profis bei den French Open, diesem Grand Slam auf Asche im Nachbarland, was den Deutschen doch liegen sollte. Denkste! Die Liste der Spieler, die nur kurz im Pariser Westen vorbeischauten: Angelique Kerber, Philipp Kohlschreiber, Mona Barthel, Andrea Petkovic, Florian Meyer, Mischa Zverev, Dustin Brown, Annika Beck und Julia Görges - alle in der ersten Runde raus! Wobei Görges ihrer Gegnerin immerhin einen packenden Fight lieferte. Am Abend lag sie danach, ohnehin erkältet, mit Fieber im Bett - nach dem 1:6, 6:3, 11:13 gegen Madison Brengle. Sabine Lisicki, immerhin ehemalige Wimbledon-Finalistin, war dagegen gar nicht erst gut genug für Roland-Garros in diesem Jahr.

Hallo? Geht's noch?

Einfach nur Pech? Wer das sagt, macht es sich zu einfach. Die Deutschen sind, wenn es auf Sandplätzen oder bei den Grand Slams hart auf hart kommt, international im Moment leider nicht auf Augenhöhe. Mit Spaniern, Franzosen oder den humorlos auftretenden Spielerinnen aus den osteuropäischen Ländern oder aus Russland. Und es kann einem deutschen Tennis-Fan schon nahe gehen, wenn dann zum Beispiel Andrea Petkovic noch zu Protokoll gibt: "Ich bin zufrieden mit meinem Prozess in diesem Jahr." Man ahnt, was sie meint. Trotzdem: Hallo? Geht's noch? Das würde man ihr gerne zurufen. 2014 stand sie in Paris im Halbfinale. Lang ist's her.

Marko Langer (Sarah Ehrlenbruch)

Marko Langer, DW-Nachrichtenredaktion

So etwas schreibt sich natürlich leicht vor dem TV-Gerät in der Redaktionsstube. Petkovic hat die letzten Jahre nicht nur mit Verletzungen zugebracht, sondern auch mit einem Selbstfindungsprozess: Ist sie noch Tennis-Profi? Will sie zurück an die Spitze? Oder schwimmt sie so mit im großen Konzert der Unterhaltungskünstlerinnen auf dem Court? Ich will ja nicht anmaßend sein. Aber wenn ich mir etwas wünschen dürfte: Ich wünschte mir die alte "Petko" zurück. Oder die Angelique Kerber aus dem vergangenen Jahr. Oder einen Kohlschreiber, der nicht immer "klemmt". Der sagte nach seiner Niederlage in Paris: "Mir geht's heute ganz gut." Wie bitte? Wir würden ihn gerne einmal siegen sehen.

35.000 Euro für das Erreichen der ersten Runde

Zur Orientierung: Wer unter den ersten 100 der ATP- oder WTA-Weltrangliste ist, kann von seinen Turniereinnahmen ganz gut leben. Ab Platz 200 wird es dünner, 250 reicht dann in der Regel nicht mehr, um Reisen, Trainer, Hotels, den Physiotherapeuten oder die Altersversorgung ohne zusätzlichen Sponsor zu bezahlen. Wer in Paris die erste Runde erreicht, bekommt 35.000 Euro.

Was läuft falsch? Die Ursachen für das deutsche Dilemma sind - natürlich - unterschiedlich. Angelique Kerber zum Beispiel glaubt nicht daran, wie gut sie ist (oder sein kann). Eine neue "Ansprache" durch einen neuen Trainer könnte vielleicht helfen. Kohlschreiber? Hat sich zuletzt selten gequält. Brown? Ein Künstler, ein Entertainer, mehr leider nicht. So schade. Und die Zverev-Brüder? Der eine hat gerade das Turnier von Rom gewonnen, der andere das Finale von Genf erreicht. Anstrengende Sache. "Ein Match zuviel", sagte Boris Becker dazu. 

Die Mini-Tour namens Bundesliga

Doch die Ursache dafür, dass die Vertreter des Deutschen Tennis-Bundes - denn auch das sind die Alleinunternehmer auf der Tour - bei Grand Slams so oft zweitklassige Leistungen bringen, ist auch struktureller Art. In Deutschland, in der Bundesliga, sind sie nur selten die Stars. Stattdessen kommen Spanier, Franzosen, Italiener, Niederländerinnen, um bei der - von einem großen Online-Großhändler und vielen Industrie-Sponsoren gepamperte - Mini-Tour namens Bundesliga im Sommer viel Kohle für relativ wenig Sport abzugreifen. Was die deutsche Nachwuchspflege angeht, ist das kontraproduktiv. Beispiele? Der Kölner Bundesliga-Spieler Oscar Otte oder Antonia Lottner, die lange als große Talente galten und in Paris beide in der Qualifikation scheiterten, werden sich auf internationaler Ebene so nur schwer oder gar nicht mehr durchsetzen. Haben deutsche Tennis -Funktionäre da eine Idee, das zu ändern? Hierzulande müssen Vereine inzwischen schon in der vierten (!) Liga Geld für gute Tennis-Spieler zahlen. Sie kommen zumeist aus dem Ausland zu Besuch. Käse ist das, aber leider branchenüblich. 

Und wo bleibt das Positive, Herr Langer? Tatjana Maria aus Bad Saulgau hat die erste Runde in Paris überstanden, ebenso die Hamburgerin Carina Witthöft, letztere trotz Verletzung. Macht übrigens für beide 60.000 Euro.

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