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Deutschland

Kommentar: Deutsche Lehren

Am 1. September 1939 trat das Deutsche Reich den Zweiten Weltkrieg los. Am Ende war es besiegt und zerstört. Drei Lehren hat die deutsche Gesellschaft aus dieser Vergangenheit gezogen, meint Alexander Kudascheff.

Bildergalerie Zweiter Weltkrieg - Gründung der EU

1945 lag Deutschland in Trümmern - hier ein Blick auf die zerstörte Altstadt von Dresden

Vor 75 Jahren begann der Zweite Weltkrieg. Deutschland, das "Dritte Reich" überfiel Polen und zog damit die ganze Welt in den Krieg. Sechs Jahre tobte der Krieg in Europa, in Afrika, im Nahen Osten und im Pazifik, wo Japan ebenfalls einen Krieg entfesselte. 60 Staaten waren involviert. 110 Millionen Menschen standen unter Waffen. Am Ende waren zwischen 60 und 70 Millionen Menschen tot. Sechs Millionen europäischer Juden im Holocaust vernichtet. Europa war verwüstet. Deutschland besiegt und aufgeteilt. Millionen Menschen vertrieben. Oder deportiert. Und zum ersten und bisher einzigen Mal waren im Krieg Atomwaffen eingesetzt worden - in Hiroshima und Nagasaki.

Über die Kriegsschuld gab und gibt es bis heute nicht den geringsten Zweifel - im Gegensatz zu den historischen Debatten über den Ersten Weltkrieg. Deutschland hatte diesen Krieg gewollt und verursacht. Am Ende war es nicht nur besiegt, sondern auch zerstört. Es hatte mit dem Holocaust das Mal eines Jahrtausendverbrechens zu tragen, über neun Millionen Deutsche waren tot, darunter mehr als drei Millionen Zivilisten. Die Städte waren im Flächenbombardement der Alliierten untergegangen. Deutschland hatte einen Teil seines Ostens verloren. Zwölf Millionen waren vertrieben worden. Das Land lag nach diesem verheerenden Krieg am Boden.

Keine Alleingänge mehr

Nach dem Krieg rappelte sich der Westen des geteilten Landes wieder auf. Zuerst ökonomisch, dann auch politisch. Die Bundesrepublik wurde im Kalten Krieg, in der Konfrontation der Blöcke, ein Teil des Westens. Sogar militärisch, denn sie wurde Partner in der NATO. Dann Gründungsmitglied in der EWG, der Keimzelle der heutigen EU. Und zog daraus die erste grundsätzliche Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg: Deutschland wollte ein europäisches Deutschland sein, es wollte Partner der Demokratien sein, es suchte Verbündete in Europa, jenseits des Atlantiks, in den USA. Politische Alleingänge waren ein Tabu.

Alexander Kudascheff DW Chefredakteur Kommentar Bild

DW-Chefredakteur Alexander Kudascheff

Die zweite große Lehre des Zweiten Weltkriegs lautete: Nein zum Krieg, Nein zur Hölle auf Erden. Die Mitgliedschaft in der NATO und direkt danach die Wiederbewaffnung, später die Nachrüstung im Rahmen des NATO-Doppelbeschlusses - das alles wurde von den Deutschen mit äußerster Skepsis betrachtet oder einfach abgelehnt. Und bis heute - auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung - lehnen die Deutschen Krieg auch als letztes Mittel der Politik mit großer Mehrheit ab. Und jedes Mal, wenn eine deutsche Regierung sich an der Seite der Partner und Verbündeten militärisch engagieren muss - sei es im Kosovo, sei es in Afghanistan - gibt es erregte Debatten und praktisch nie Zustimmung im Volk.

Das Volk ist kriegsmüde

Deswegen ist es erstaunlich, dass die Bundesrepublik vor ein paar Jahren, wenn auch mehr aus finanziellen Gründen denn aus strategischen Überlegungen, die Wehrpflicht abgeschafft hat und nun beginnt, eine Berufsarmee aufzubauen. Mit dem erklärten Ziel, bei militärischen Interventionen als Partner belastbar mitwirken zu können. Denn gerade diese militärischen Operationen und die sie tragenden strategischen Überlegungen sind mehr als umstritten und praktisch nur ohne Zustimmung des Volkes durchsetzbar. So hat die zweite große Lehre "Nie wieder Krieg!" zu einer deutschen Lebenslüge geführt: Wann immer ein deutscher Beitrag für einen militärischen Einsatz gefordert wird, windet sich die Politik, unterstreicht die humanitären Aspekte oder beschwört gleich einen Völkermord, damit das Volk vielleicht doch überzeugt wird. Meistens übrigens ohne Erfolg.

Vor 75 Jahren begann der von den Deutschen entfachte Zweite Weltkrieg. Heute ist Deutschland ein ökonomischer Riese und auf dem Weg, auch ein weltpolitischer Akteur zu werden. Eine Rolle, die den Deutschen nicht geheuer ist. Am liebsten wären sie eine "grüne Schweiz". Doch diese Zeiten sind vorbei. Von Deutschland werden politische Führung im Bündnis und militärisch relevante Beiträge erwartet. Aber auch bescheidenes Auftreten. Und das entspricht einer dritten Lehre: Großmäuliges, gar selbstherrliches Auftreten ist der Deutschen Sache nicht mehr.

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