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Aktuell Deutschland

Kommentar: Deutsch-griechische Frühlingsgefühle

Die Bundeskanzlerin ist die wichtigste Spielerin im Poker um Griechenland. Getrickst haben dabei alle. Nun müssen die Karten neu gemischt werden. Das Duo Merkel/Tsipras könnte das am besten, meint Marcel Fürstenau.

Wer die Europäische Union für nichts anderes als ein bürokratisches Monster hält, dem ist das Schicksal Griechenlands wahrscheinlich egal. Wer die Gemeinschaftswährung für einen geldpolitischen Sündenfall hält, betet für den endgültigen Zusammenbruch der griechischen Volkswirtschaft. Und hofft, dass der Euro mit in den Abgrund gezogen wird. So sehen es die Zyniker, die Egoisten, die Nationalisten. Was das für die EU als Ganzes und ihre einzelnen Mitgliedsstaaten bedeuten könnte, wird seit Beginn der Schuldenkrise vor rund fünf Jahren in immer neuen Szenarien an die Wand gemalt. Das Problem besteht darin, dass es sich samt und sonders um Spekulationen handelt. Gewissheiten gibt es keine.

Ganz real sind hingegen die Folgen der Krise und ihrer Lösungsversuche. Griechenland ist verarmt, verbittert und fühlt sich in seiner Ehre verletzt. Die Gläubigerländer, Europäische Zentralbank (EZB) und Internationaler Währungsfonds (IWF) sind mit ihrer Geduld so gut wie am Ende. Dieser Eindruck verstärkt sich, seit in Athen eine sozialistisch dominierte Links-Rechts-Regierung an der Macht ist. Nach der Verantwortung der über Jahrzehnte für Misswirtschaft verantwortlichen Sozialdemokraten und Konservativen fragt niemand mehr. Aber der Blick zurück hilft nicht weiter. Gefragt sind praktische und faire Lösungen im Interesse der Menschen.

Mit der Vergangenheit pokern

Das Schicksal des Europäischen Projekts ist enger mit dem Griechenlands verknüpft, als viele glauben. Wäre es anders, gäbe es schon längst keine Brüsseler Krisengipfel mehr. Aber die Spieler am europäischen Pokertisch wissen, dass sich im schlimmsten Fall alle verzocken könnten. Ein Staatsbankrott Griechenlands wäre gleichbedeutend mit milliardenschweren Kreditausfällen. Auf Seiten der Gläubiger müsste Deutschland am meisten abschreiben. Angela Merkel tut also gut daran, ihrem Kollegen Alexis Tsipras die Hand zu reichen. Umgekehrt gilt das natürlich auch. Und wenn der Eindruck nach dem ersten gemeinsamen Treffen in Berlin nicht trügt, ist auf beiden Seiten der gute Wille vorhanden.

Marcel Fürstenau (Foto: DW)

DW-Hauptstadtkorrespondent Marcel Fürstenau

Wenn es stimmt, dass der Ton die Musik macht, dann klang zumindest der presseöffentliche Teil ihrer Begegnung einigermaßen harmonisch. Merkel wie Tsipras würdigten die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Menschen beider Länder seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Dass Griechenland aus den Nazi-Verbrechen bis in die unmittelbare Gegenwart finanzielle Forderungen ableitet, findet im Kanzleramt zwar wenig Anklang. Tsipras betonte in Berlin aber auch, das sei in erster Linie eher eine ethisch-moralische als eine finanzielle Frage. Das als Verzicht auf Entschädigung insbesondere für die den Griechen von Hitler-Deutschland aufgezwungene Zwangsanleihe zu interpretieren, wäre zumindest naiv. Aber vielleicht kommt durch diese Art der Formulierungskunst Bewegung in das große Ganze: die langfristige Lösung der Schuldenkrise unter Einbeziehung historischer Verantwortung.

Keine gezinkten Karten mehr

Die deutsche Kanzlerin denkt immer auch über den Tag hinaus. Sie weiß, dass die Regierung in Athen mehr Zeit und mehr Luft zum Atmen braucht. Und Tsipras weiß, dass Merkel aufgrund der ökonomischen und politischen Macht Deutschlands der entscheidende Trumpf im Pokerspiel um die Zukunft Griechenlands, aber auch Europas ist. Wenn diese Einsicht dazu führt, dass die Zeit der gezinkten Karten vorbei ist, dann hätte dieses nach wie vor großartige Projekt namens Europäische Union eine realistische Chance.

Historische Stereotype müssten dabei überwunden werden, forderte Tsipras völlig zutreffend. Wobei Klischeebilder mitunter auch hilfreich sein können. Zum Beispiel das vom angeblich immer guten Wetter in Griechenland. Er habe den Frühling nach Berlin mitgebracht, flunkerte Tsipras am Ende der Pressekonferenz mit seiner Gastgeberin. Dieses Klima sollte auch bei den Beziehungen zwischen beiden Ländern anhalten, fügte er hinzu. Drücken wir ihm und uns die Daumen!

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