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Frankreich

Kommentar: Der Wahlsieg war noch einfach

Das Wahldrama in Frankreich ging besser aus als befürchtet. Macron konnte Le Pen klar auf Platz zwei verweisen. Das war der leichtere Teil seiner Aufgabe, von nun an wird es richtig schwer, ist Barbara Wesel überzeugt.

Er war schon immer Klassenerster und eine Art Wunderkind. Emmanuel Macron ist in seinem jungen Leben alles gelungen, was er angefasst hat. Vom Konzertpianisten über den Investmentbanker und den Wirtschaftsminister bis zum Präsidenten der Republik - es ist der steilste Aufstieg aller Zeiten in der französischen Politik. Er hat es unter widrigen Umständen sogar geschafft, Marine Le Pen, die politische Kampfmaschine des rechtsextremen Front National, zu deklassieren. Trotz der Enthaltungen und ungültigen Proteststimmen hat er ein ordentliches Mandat zum Regieren, wenn es auch kein Erdrutschsieg wurde. 

Europa ist noch einmal davongekommen

Eines der ersten Telefonate führte der frisch gewählte Präsident mit Angela Merkel. Bei der Bundeskanzlerin, ebenso wie bei anderen europäischen Staats- und Regierungschefs, dürfte die Erleichterung enorm sein. Es grassierte die echte Angst, Europafeindin Le Pen könnte das ganze Gebäude tatsächlich zum Einsturz bringen. Aber wir sind - einmal mehr - vorerst davongekommen. Der Vormarsch von Populismus und Rechtsradikalismus in Europa ist aufzuhalten, Emmanuel Macron hat es bewiesen. 

Die Zeit zum Feiern für den Neuen aber ist kurz. Die Probleme beginnen mit seiner Suche nach einer Mehrheit in der Nationalversammlung. Wenn in vier Wochen die Abgeordneten gewählt werden, muss er aus seiner "En Marche!"-Bewegung eine Art Partei schmieden. Viele aus der Partei seines Amtsvorgängers wollen Macron zwar gerne unterstützen - wenn sie denn wiedergewählt werden. Aber die Sozialisten sind auf den Knien, vernichtend geschlagen. Ob sie überhaupt einen Zipfel der Macht behalten können, ist offen. Und die Linksextremen haben nach ihrer Gratulation gleich die Beleidigungen aus dem Wahlkampf fortgesetzt - von da kommt keine Hilfe.

Die konservativen Republikaner wiederum hoffen auf eine Mehrheit im Parlament, gleichsam als Ausgleich für den unrühmlichen Absturz ihres Präsidentschaftskandidaten. Sie sind gespalten in einen gemäßigten Flügel, der mit Macron zusammenarbeiten will, und die Rechten, die ihn aus Prinzip so schnell wie möglich zerstören wollen. Sie sind genauso suizidal gestimmt wie die Linke. Ob also eine Art Mehrheit der "Vernünftigen" zustande kommt und Emmanuel Macron überhaupt regieren kann, ist offen.

Die Aufgabe ist überwältigend

Der neue Präsident wird zeigen müssen, ob seine guten Nerven, sein scharfer Verstand und seine Fähigkeit zum Schmieden von Bündnissen Frankreich den entscheidenden Schub nach vorn bringen können. Ein Land, störrischer als 66 Millionen Maulesel, reformunwillig, prinzipienversessen und seiner Vergangenheit verhaftet. Macron muss die Menschen im Sinne des Wortes "in Marsch" setzen, soziale Gegensätze überbrücken, die Landbevölkerung fördern, Arbeitsplätze im armen Norden schaffen, die Wirtschaft konkurrenzfähiger machen - und das gegen den Widerstand der Links- und Rechtsextremen im Land. Der Neue muss einfach ein Wunder vollbringen, um die nörgelige Unzufriedenheit der Franzosen in Aufbruchstimmung zu verwandeln.

Barbara Wesel Kommentarbild App *PROVISORISCH*

DW-Korrespondentin Barbara Wesel

Die Rechtsextremen werden sich umbenennen - neuer Wein in alten Schläuchen. Und wenn sie eine nennenswerte Zahl von Abgeordneten bekommen, werden sie dem neuen Präsidenten das Leben schwer machen. Vielleicht gibt es beim Front National nach der Wahlniederlage eine Nacht der langen Messer, aber Marine Le Pen und die Ihren werden weiter hetzen, Hass predigen, Angst machen.

Macron muss sich mit diesem destruktiven Zug seiner Landsleute auseinandersetzen und das auseinandergerissene Land zusammenführen. Was leicht gesagt und unendlich schwer getan ist. Weil es nicht nur um Arbeitslosigkeit und Armut geht, sondern auch um soziale Deklassierung und die schlechtere Seite des menschlichen Charakters.

Schwere Last auf schmalen Schultern

Da stand am Ende des Wahlabends ein sehr junger Mann auf der Bühne des ehrwürdigen Louvre und ließ zu seinem Einzug die Europahymne spielen. Der traut sich was, jedenfalls zeigt er Mut und ein gewisses Maß an Chuzpe. Emmanuel Macron trägt eine Riesenlast auf seinen Schultern. Er muss Frankreich retten und Europa gleich mit - aber vielleicht schafft er ja auch das.

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