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Deutschland

Kommentar: Der Wachrüttler Deutschlands

Halbzeit für das deutsche Staatsoberhaupt Joachim Gauck. Mischt sich der Bundespräsident zu sehr in die Tagespolitik ein? Oder sagt er genau das Richtige zur richtigen Zeit? Ralf Bosen hat eine eindeutige Meinung.

Als Joachim Gauck vor zweieinhalb Jahren sein Amt antrat, waren die Erwartungen groß. Der ehemalige Pastor und Bürgerrechtler hatte den Ruf eines wortmächtigen Redners mit Sendungsbewusstsein, der auch unbequeme Wahrheiten ausspricht. Jemand, der gleichermaßen mit Charme und Empathie Menschen für sich einnehmen kann, aber wenn es nötig ist, auch keinen Streit mit Mächtigen scheut. So wie er sich als Chef der Stasi-Unterlagenbehörde mit dem früheren Bundeskanzler Helmut Kohl anlegte, weil dieser von der Öffnung der Akten der DDR-Staatsicherheit nicht viel hielt.

Gauck light statt klarer Kante

Nach diesem Gauck hielt man zu Beginn seiner Amtszeit allerdings vergebens Ausschau. Sicher: Er hielt schlaue, politisch korrekte Reden. Die aber wirkten wie weichgespült und bewegten die Deutschen kaum. Statt klarer Kante gab es Gauck light. So mancher Bürger mag sich damals gefragt haben, ob der neue Hausherr im Schloss Bellevue sich als drittes deutsches Staatsoberhaupt in Reihe als nicht gerade ideale Besetzung entpuppen würde. Hatte doch das Ansehen des Bundespräsidentenamtes wegen der Rücktritte Horst Köhlers und besonders Christian Wulffs dramatisch an Glanz verloren. Der eine war zu früh gegangen, der andere zu spät.

Deutsche Welle Ralf Bosen

DW-Redakteur Ralf Bosen

Doch aus dem Schatten seiner Vorgänger ist der heute 74-jährige zur Hälfte seiner Amtszeit längst herausgetreten. Wer Gauck derzeit beobachtet, erlebt einen selbstbewussten Bundespräsidenten, der seine Rolle sichtlich lustvoll ausübt. Gauck schaltet sich geschickt in die großen Linien der Politik ein, ohne in die Niederungen der Tagespolitik abzurutschen. Damit tut Gauck Deutschland gut! Der Bundespräsident findet deutliche Worte, wo die Bundeskanzlerin schweigt oder im Ungefähren verbleibt. Beide können damit gut leben. Statt der befürchteten Konkurrenz zwischen zwei Spitzenpolitikern, erleben die staunenden Deutschen sogar das Gegenteil: Ein sich fast perfekt ergänzendes Duo mit bemerkenswerter Arbeitsteilung. Einerseits die pragmatische Angela Merkel, die Probleme mit wissenschaftlicher Genauigkeit und kühler Ruhe angeht. Andererseits Joachim Gauck, der die direkte Ansprache sucht und meisterlich auf der Klaviatur der Emotionen spielt.

Kritik an Russland und der Türkei

Gaucks Formkurve ist vor allem angestiegen, seitdem er die zentralen Themen seiner Präsidentschaft gefunden hat: Deutschlands Rolle in der Welt und die großen Konflikte dieser Zeit. So übte er scharfe Kritik an Russland und sprach vor dem Hintergrund des Ukraine-Konfliktes davon, dass “territoriale Zugeständnisse den Appetit von Aggressoren oft nur vergrößern“. Die Anhänger der rechtsextremen NPD nannte er “Spinner“ und den Kurs des inzwischen zum türkischen Präsidenten gewählten Recep Tayyip Erdogan “eine Gefahr für die Demokratie“. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz warb er zu Recht dafür, dass sich Deutschland seinem wirtschaftlichen Gewicht entsprechend in internationalen Krisen früher und entschiedener engagieren sollte. Auch mit militärischen Mitteln - was die Öffentlichkeit durchaus spaltet. Das Thema beherrschte tagelang die Schlagzeilen und bewies endgültig, dass Gauck nicht nur ein repräsentierender Wohlfühl-Bundespräsident sein will.

Dass er mit solchen Aussagen wichtige Debatten auslöst, ist mehr als begrüßenswert. Gauck sei Dank! Der Bundespräsident ist der Wachrüttler, den Deutschland in Zeiten der Großen Koalition dringend braucht. Ansonsten könnte die Bundesrepublik von der allumfassenden Konsenspolitik der großen Parteien und der Entschleunigungstaktik Merkels gelähmt werden. Die Deutschen danken es ihrem Staatsoberhaupt mit einem regelmäßigen Spitzenplatz in der Beliebtheitsskala nur knapp hinter der Kanzlerin.

Ein Verteidiger der Freiheit

Ebenso wie sich Gaucks Erfolgskurs verfestigt, erscheint seine anfängliche Zurückhaltung nun im Nachhinein als kluges Sondieren des politischen und gesellschaftlichen Terrains. Alles ist ihm dabei aber nicht geglückt. So hätte man sich gewünscht, dass Gauck die USA wegen der NSA-Affäre deutlich kritisieren würde. Gerade von einem früheren DDR-Bürger, der die Freiheit immer zu seinem großen Thema gemacht hatte, wäre das zu erwarten gewesen. Stattdessen sagte er fast nichts.

Das tut dem Gesamtbild aber keinen wesentlichen Abbruch. Gauck ist auf dem besten Weg, ein sehr guter Bundespräsident zu werden. Vielleicht sogar ein Großer!? Für einen entsprechenden Auftritt in der deutschen Geschichte benötigt er die passende Bühne: Kontrahenten an denen er wachsen, Konflikte, in denen er sich bewähren kann. Das Potenzial und die Zeit dafür hat Gauck. Und wer sich in dieser krisengeschüttelten Zeit nur eine Nachrichtensendung anschaut, erkennt schnell: Die passende Bühne steht auch bereit.

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