Kommentar: Der Videobeweis soll bleiben | Fußball | DW | 19.12.2017
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Meinung

Kommentar: Der Videobeweis soll bleiben

Die Einführung des Videobeweises in der Fußball-Bundesliga wurde so schlecht gehandhabt, dass viele ihn gerne sofort wieder abschaffen würden. Doch das ist nicht die richtige Lösung, meint DW-Redakteur Chuck Penfold.

Wer hätte gedacht, dass die Einführung des Videobeweises in der Fußball-Bundesliga derartige Kontroversen auslösen könnte? Im Vorfeld war doch alles so glatt gelaufen: Unter der Leitung des ehemaligen FIFA-Schiedsrichters Hellmut Krug wurde das System eine ganze Saison lang "offline" getestet. Und laut Krug lief die Trockenübung sehr gut: Dank des Videobeweises wurden 104 Fehlentscheidungen entdeckt, von denen 77 laut Videobeweis-Regelwerk hätten korrigiert werden können.

Und überhaupt: Zeitlupenwiederholungen werden in Sportarten wie Eishockey, American Football, Baseball und Rugby seit Jahren erfolgreich und gewinnbringend genutzt. Warum hätte es also nicht auch im Fußball klappen sollen?

Doch seit seiner Einführung in der Bundesliga zum Saisonbeginn ging beim Videobeweis so viel schief, dass man sich fast fragen könnte, ob vielleicht im Hintergrund jemand daran arbeitet, dass er doch ein Misserfolg wird.

Heimliche Regeländerung

Das System sollte ursprünglich nur bei eindeutigen Fehlentscheidungen durch das Schiedsrichtergespann auf dem Platz zum Einsatz kommen - und das auch nur bei vier klar definierten Situationen: Tore, Elfmeterentscheidungen, Rote Karten und Spielerverwechslungen. Doch innerhalb weniger Wochen wurde deutlich, dass sich die Videoschiedsrichter in der Kölner Dunkelkammer an diese engen Grenzen nicht hielten - und damit nicht an die durch das International Football Association Board (IFAB) gesetzten Regeln. Auch Befürworter des Videobeweises gerieten plötzlich in Erklärungsnot, warum auch Entscheidungen, die nicht offensichtlich falsch waren, noch einmal auf den Prüfstand gestellt wurden.

Penfold Charles Kommentarbild App

DW-Redakteur Chuck Penfold

Die Erklärung lieferte Ende Oktober das Fachmagazin "Kicker": Vor dem 6. Spieltag hatte DFB-Schiedsrichterchef Lutz Michael Fröhlich die Videoschiedsrichter dazu angehalten, ihre Kollegen auf den Plätzen immer anzusprechen, wenn der Eindruck bestand, es habe eine Fehlentscheidung gegeben - jederzeit und egal in welcher Situation. Und um die Verwirrung perfekt zu machen, waren die Klubs über diese heimliche Regeländerung nicht informiert worden. Das wurde erst einige Wochen später nachgeholt.

Logischerweise schoss die Zahl der Situationen, bei denen der Videobeweis zum Einsatz kam, nach der neuen Vorgabe deutlich nach oben. Spieler, Trainer und Fans reagierten mit Unverständnis, waren konsterniert und wütend, weil Entscheidungen, die zunächst zu ihren Gunsten ausgefallen waren, plötzlich doch noch und offenbar ohne Grund revidiert wurden. Ein Übriges zur schlechten Stimmung trugen die langen Spielunterbrechungen bei, vor denen Kritiker des Videobeweises schon im Vorfeld gewarnt hatten.

Was ist eine Fehlentscheidung?

Auch DFB-Präsident Reinhard Grindel reagierte auf den "Kicker"-Bericht verwundert und gab zu, nichts von einer Modifizierung beim Videobeweis zu wissen. Anschließend verkündete er, er habe entschieden, dass zum alten und ursprünglich vom IFAB festgelegten System zurückgekehrt werde. Und siehe da: Sofort kam der Videobeweis deutlich seltener zum Einsatz.

Schiedsrichter schaut am Spielfeldrand auf Monitor (Getty Images/AFP/C. Stache)

Durch den Videobeweis entstehen Spielverzögerungen

"Jetzt haben viele Zuschauer im Stadion ein Smartphone. Die können ganz schnell sehen, wenn der Schiedsrichter einen klaren Fehler gemacht hat", sagte der mittlerweile als Projektleiter Videobeweis abgesetzte Hellmut Krug im DW-Interview am Anfang der Saison. "Wenn der Schiedsrichter da keine Hilfe von außen bekäme, wäre das nicht mehr zeitgemäß."

Eine Einschätzung, der man nur schwer widersprechen kann, vorausgesetzt, der Videobeweis kommt so zur Anwendung, wie vom IFAB angedacht. Und auch dann bleibt es problematisch. Lutz Michael Fröhlich, ebenfalls ein ehemaliger FIFA-Schiedsrichter, sagte kürzlich in einem Interview mit dem TV-Sender Sky, dass auch wenn man darüber einig sei, dass der Videobeweis nur bei klaren Fehlentscheidungen zum Einsatz kommen soll, noch lange keine Einigkeit darüber bestehe, was genau eine klare Fehlentscheidung sei.

Die amerikanische Lösung?

Dieter Hecking, Trainer von Borussia Mönchengladbach, glaubt, dass eine amerikanische Herangehensweise eine Verbesserung bringen könnte. Nämlich die, dass man akzeptiert, dass neue Dinge unter Live-Bedingungen getestet und dann fehleroptimiert werden. "Deutschland dagegen ist ein Konstrukteurs- und Ingenieurs-Land. Da muss immer alles sofort perfekt sein", so Hecking in der "Bild am Sonntag".

Ich denke, die Bundesliga muss noch eine gewisse Wegstrecke zurücklegen, wenn es darum geht, die Abläufe zu optimieren, doch der Fußball ist durch den Videobeweis bereits fairer geworden. Während DFB und DFL noch keine offiziellen Zahlen zur ersten Saisonhälfte veröffentlicht haben, hat Sky eigene Zahlen zur Hand: 23 Fehlentscheidungen der Schiedsrichter gab es während der ersten 17 Spieltage dieser Saison. In den vergangenen fünf Spielzeiten lag diese Zahl mit durchschnittlich 52 Fehlentscheidungen deutlich höher. Für mich das beste Argument, den Videobeweis zu behalten - trotz aller Widrigkeiten.

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