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Kommentar: Der türkische Albtraum

Der Anschlag von Istanbul schockiert Deutschland, weil vor allem Deutsche Opfer sind. Für die Türkei ist das Attentat ein neuer Höhepunkt in einer ganzen Abfolge von Gewalt, meint Reinhard Baumgarten aus Istanbul.

Türkei Trauer Anteilnahme Anschlag Blumen

Trauer in der Nähe des Anschlagsortes in Istanbul

Albträume werden wahr dieser Tage in der Türkei. Der Terror hat die Mega-Stadt Istanbul erreicht. Überraschend ist das nicht. In Deutschland ist der Schreck natürlich groß, denn nahezu alle Opfer der jüngsten Terrorattacke sind deutsche Urlauber. Nun werden viele hierzulande merken, dass es uns durchaus etwas angeht wenn - um mit Goethe zu sprechen - "weit hinten in der Türkei die Völker aufeinanderschlagen".

Parallele Konflikte in der Türkei

Denn genau das geschieht mit immer größerer Wucht. Drei massive Terroranschläge mit fast 150 Toten hat es in den vergangenen sieben Monaten in der Türkei gegeben. Die Opfer waren Linke und Kurden. Die Täter, sie waren Gefolgsleute der Terrormiliz, die sich selbst "Islamischer Staat" nennt.

Reinhard Baumgarten

Reinhard Baumgarten ist ARD-Korrespondent in Istanbul

Gleichzeitig tobt in den türkischen Kurdengebieten ein unerklärter Bürgerkrieg zwischen Sicherheitskräften und der verbotenen PKK, hunderte von Menschenleben hat er bereits gefordert. Die Toten waren PKK-Terroristen, darauf beharrt die Regierung in Ankara. In den Kurdengebieten selbst ist von vielen zivilen Opfern die Rede.

Die Türkei führt Krieg gegen Terroristen. Das Hauptaugenmerk ruhte dabei bislang auf dem Krieg gegen die kurdische PKK. Die schlimmsten Anschläge gegen Zivilisten wurden hingegen von der Terrormiliz IS verübt.

Nun hat es deutsche Urlauber getroffen, das Entsetzen ist hierzulande groß. Warum Deutsche? Möglicherweise Zufall, nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit: Weil deutsche Urlauber mit gut fünf Millionen Touristen die größte Besuchergruppe in der Türkei stellen, weil mit dem Tourismus eine wichtige Stütze der türkischen Wirtschaft getroffen werden soll.

Nachsicht mit dem IS rächt sich

Der Täter von Istanbul steht nach Auskunft der türkischen Regierung der IS-Terrormiliz nah - einmal mehr. Jahrelang habe der türkische Staat militante Islamisten geduldet, gewähren lassen und oft auch mittelbar unterstützt, berichteten kritische türkische Medien wiederholt in den vergangenen Jahren. Ankara hat solcherlei Vorwürfe stets zurückgewiesen, die türkische Führung muss derartige Kritik im inneren kaum noch fürchten, sie hat kritischen Journalismus in der Türkei weitgehend eliminiert. Auch das ist Teil des türkischen Albtraums dieser Tage.

Nun sind die Verbündeten Ankaras gefordert: Sie müssen darauf drängen, dass die Türkei den islamistischen Terror viel entschiedener bekämpft. Sie müssen darauf drängen, dass der innertürkische Konflikt mit der kurdischen PKK nicht mit Waffen, sondern mit Worten entschieden wird. Wenn beides entschlossen umgesetzt wird, dann besteht die Hoffnung, dass Terror jeglicher Couleur wirksam bekämpft und ein Abgleiten der Türkei in den Bürgerkrieg verhindert werden kann.

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