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Deutschland

Kommentar: Der Sieg der Realität über das Märchen

24 Jahre sind seit Deutschlands letztem WM-Sieg vergangen. Der deutsche Fußball und die Nationalmannschaft haben sich in dieser Zeit enorm verändert - so wie das Land selbst, sagt Jefferson Chase.

Der Kaiser kann endlich aufatmen.

1990, direkt nachdem seine Mannschaft Argentinien im WM-Finale geschlagen hatte, wurde der Nationaltrainer der Bundesrepublik Franz Beckenbauer gefragt, wie gut die deutsche Mannschaft sein würde, wenn die ostdeutschen Spieler dazu kommen würden. Wenige Monate zuvor war die Mauer gefallen, die ostdeutsche DDR war in Auflösung begriffen. Seine Antwort: "Unsere Nationalmannschaft wird auf Jahre hinaus unschlagbar sein."

Solche vermessene Äußerungen bestraft die Geschichte gewöhnlich - so auch in Beckenbauers Fall. Die wiedervereinigte deutsche Mannschaft gewann zwar die Europameisterschaft 1996 und wurde 2002 Vizeweltmeister, von Unschlagbarkeit war sie aber weit entfernt.

Ostdeutsche Spieler wie Steffen Freund, Ulf Kirsten und Michael Ballack spielten zwar eine wichtige Rolle im deutschen Team, aber es stellten sich keine dauerhaften Erfolge ein. Die Struktur des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), die aus westdeutschen Zeiten übernommen wurde, stellte sich als überholt heraus. Der Tiefpunkt war 2000 erreicht, als die Mannschaft, die Beckenbauer als unschlagbar bezeichnet hatte, in der Gruppenphase der EM ausschied, ohne ein einziges Spiel gewonnen zu haben.

Umfassende Reformen und Märchen

Toni Kroos, Philipp Lahm und Thomas Müller. (Foto: EPA/DENNIS SABANGAN)

Diese Mannschaft hat es geschafft

Die Deutschen neigen vielleicht manchmal dazu, zu denken, sie wüssten alles besser als der Rest der Welt. Aber sie sind auch gut darin, Veränderungen einzuleiten, wenn etwas nicht funktioniert. Und zu Beginn des neuen Milleniums war klar, dass viele Grundsätze des alten westdeutschen Systems für das neue Deutschland nicht mehr tauglich waren.

Der damalige Kanzler Gerhard Schröder setzte mit der so genannten "Agenda 2010" politische Veränderungen in Deutschland durch, und auch im Fußball gab es Reformen. Nach dem Debakel von 2000 wurden die Bundesligavereine dazu verpflichtet, in Jugendarbeit zu investieren, und auch in die Trainerausbildung wurde viel Geld gesteckt. Und anstatt nur Wert auf kraftstrotzende Muskelpakete zu legen, trat die Entwicklung von Sportlern in den Vordergrund, die schneller und geschickter am Ball waren.

Als Deutschland 2006 WM-Gastgeberland war, spielte die Nationalmannschaft unter dem jungen Trainer Jürgen Klinsmann attraktiven Fußball mit schnellen Pässen, der eine Welle der Euphorie auslöste. Auf einmal war es in Ordnung, das Auto mit den deutschen Nationalfarben zu beflaggen, sich das Gesicht schwarz-rot-gold zu schminken und sogar die Nationalhymne mitzusingen. Das war wegen der deutschen Vergangenheit jahrzehntelang undenkbar gewesen.

Das Turnier ging als "Sommermärchen" ins kollektive deutsche Gedächtnis ein - obwohl die Gastgeber ja nur Dritter wurden. Warum sollte man sich auch die schöne Stimmung durch Realität verderben lassen?

Multikulti-Gesellschaft im Kleinformat

Mesut Özil hält einen Fußball. (Foto: EPA/SRDJAN SUKI)

Mesut Özil ist einer der deutschen Nationalspieler mit ausländischen Wurzeln

Im Jahr 2000 hießen Deutschlands Mittelfeldspieler Matthäus, Ballack, Hamann, Scholl und Deisler - alles gute deutsche Namen, sozusagen. 2014 bestand das deutsche Mittelfeld aus Schweinsteiger, Müller, Khedira, Özil und Kroos - zwei Spieler aus dem ehemaligen Westdeutschland, zwei Deutsche mit Migrationshintergrund und einer aus der ehemaligen DDR.

Damit spiegelt die Nationalmannschaft eine gesellschaftliche Realität wider: Heute machen Menschen mit Migrationshintergrund und nicht-deutsche Staatsbürger 20 Prozent der deutschen Bevölkerung aus.

Beim aktuellen WM-Finale gegen Argentinien schließlich hatte mehr als ein Drittel der Spieler ausländische Wurzeln, wie der ghanaisch-deutsche Verteidiger Jérôme Boateng und der in Polen geborene WM-Rekordstürmer Miroslav Klose. Um es einmal polemisch auszudrücken: Deutschland ist praktisch zu einem Mischling geworden. Und wie Hundefreunde wissen, sind Mischlinge normalerweise schlauer und leben länger als reinrassige Hunde.

Schland bleibt Schland

DW-Reporter Jefferson Chase

DW-Reporter Jefferson Chase

Vor der WM haben nur wenige Deutsche ihrer Nationalmannschaft den Sieg zugetraut. Offen gesagt hat die Nationalmannschaft auch nicht immer vor Inspiration sprühenden Fußball gespielt. Jogi Löws Mannschaft hat einige Spiele überstanden, indem sie sich auf "traditionelle deutsche Tugenden" wie vollen Körpereinsatz und gut organisiertes Stellungsspiel besann. Deutschland eroberte sich den Titel, weil es von allen Top-Nationen die kompetenteste war, oder die am wenigsten inkompetente. Also ein bisschen wie Kanzlerin Angela Merkel.

Fans in Deutschland bezeichnen ihre Mannschaft gern als "Schland", ein Name, der sich aus dem Klang des lang gezogenen Anfeuerungsrufes "Deutschland!" ableitet. Es ist ein Veralbern betrunkener Fußballfans und eine ironische Anteilnahme an der allgemeinen Feierstimmung. Für mich ist es außerdem ein Zeichen der deutschen Selbsterkenntnis: Die Bundesrepublik ist zwar in vielen Bereichen erfolgreich, aber sie ist auch eine Gesellschaft, die häufig das Bekannte der Innovation vorzieht, die der Verlässlichkeit mehr traut als der Vorstellungskraft und Anständigkeit mehr als der Inspiration. Eine Gesellschaft eben, die immer noch Gartenzwerge liebt.

Die deutschen Fans haben sich gewünscht, dass ihre Mannschaft den ersten WM-Titel seit der Wiedervereinigung holt, und die Nationalmannschaft hat mit effizientem Fußball, der auch noch recht schön anzusehen war, viele Unterstützer gewonnen. Daran ist nichts auszusetzen.

Für Deutschland war die WM 2014 kein Märchen. Musste sie auch gar nicht sein - die Realität war gut genug.

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