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Fußball

Kommentar: Der Reform-Pädagoge

Der VfL Wolfsburg steht auf dem letzten Tabellenplatz der Fußball-Bundesliga. Die Rufe nach einer Ablösung von Trainer Felix Magath mehren sich. Zu Unrecht, meint Tobias Oelmaier.

Die Reformpädagogik des ausgehenden 19. Jahrhunderts gilt als Grundlage des heutigen Veständnisses von Erziehung, von Schule, von Lehre. Plötzlich wurde das Kind als vollwertiger Mensch gesehen, seine Sicht der Dinge in die Ausbildung mit einbezogen. Diese pädagogischen Ansätze wurde mit gut 100 Jahren Verzögerung mitunter auch auf den Fußballsport übertragen. Bundestrainer wie Jürgen Klinsmann oder Joachim Löw predigen flache Hierarchien, Kumpeltypen wie Jürgen Klopp oder Thomas Tuchel haben sich Spaßfußball auf die Fahne geschrieben - oder zumindest wird er ihnen zugebilligt. Und sie haben Erfolg damit, gelten als Vorbilder der modernen Trainergeneration.

Aber es gibt auch noch Dinosauier. Als einer der letzten gilt der momentane Oligarch des VfL Wolfsburg, Felix Magath. Der reformiert regelmäßig die Reformpädagogik. Seine altmodischen Übungsmethoden mit Medizinball oder Treppenlauf haben ihm die Spitznamen Quälix eingebracht. Wo er hinkommt, macht er seinen Arbeitgebern schnell klar: Es kann nur einer das Sagen haben - er selbst. So agiert Felix Magath bevorzugt als Trainer, Manager und Sportdirektor in Personalunion. Üblicherweise folgt gleich auf den Dienstantritt ein Umkrempeln des kompletten Kaders. Unfolgsame oder aufmüpfige Spieler pflegt er ebenso schnell abzuservieren, wie er sie geholt hat.

Unpopulär aber erfolgreich

Mit dieser "Philosophie" hat Magath es zu beeindruckenden Erfolgen gebracht: Mit dem Hamburger SV zog er in den UEFA-Cup ein, mit Nürnberg gelang der Aufstieg, mit Stuttgart wurde er Vize-Meister, ehe der Wechsel zum großen FC Bayern folgte. Zwei Doubles aus Pokal und Meisterschaft in drei Jahren – das gelingt auch in München nicht jedem. Vor allem schaffte es Magath, dieses Kunststück mit den Emporkömmlingen vom VfL Wolfsburg 2009 zu wiederholen. Mit Schalke kam er auf Platz zwei und anschließend in der Champions League bis ins Viertelfinale, ehe er, gefeuert vor allem wegen seiner unpopulären Art, zurück nach Wolfsburg wechselte.

Tobias Oelmaier (Bild: dw)

Tobias Oelmaier

Nun steht Felix Magath also mit dem selbst zusammengestellten Kader auf dem letzten Tabellenplatz. Klar, dass einem, der alles entscheiden will, dann auch alle Maßnahmen um die Ohren gehauen werden: die Einkaufspolitik, das mangelnde Einfühlungsvermögen, die Trainingsmethoden – und die pädagogischen Maßnahmen. Vor ein paar Wochen erst hatte er während eines Waldlaufs die Wasserflaschen seiner Zöglinge ausgekippt. Drei davon würden für alle zusammen reichen, so Magath, früher hätte es das auch nicht gegeben, dass man nach jeder Jogging-Einheit gleich trinken musste. "Da gab´s erst nach der Mittagssuppe den ersten Schluck", so der Trainer.

Die Bundesliga ist kein Kindergarten

Klar ist auch, dass in einer solchen sportlichen Situation die Frage nach personellen Konsequenzen gestellt wird. Die Presse stichelt, die Fans schreien "Magath raus". Aber erstens wird es für den Verein gar nicht so leicht sein, Ersatz für einen Mann zu finden, der neben dem Trainerjob gleichzeitig die Stelle des Sportgeschäftsführers bekleidet und zweitens wäre es auch ein schlechtes Zeichen an die Profis. Ein starker Felix Magath lässt sich nichts gefallen von oft divenhaften Fußballern. Er nimmt sie in die Pflicht, wie er sich selbst in die Pflicht nimmt. Und er weiß: Der Begriff "Pädagogik" kommt aus dem Griechischen. In ihm steckt "pais", Kind. Und Kinder sind Fußballprofis nunmal nicht mehr. Deshalb darf man (Magath) sie ruhig auch mal ein wenig härter anpacken. Und irgendwann klappt es auch wieder mit den sportlichen Erfolgen. Die Geschichte gibt Magath recht.